Die Säulen des Lebens

In der Psychotherapie verwendet man gerne anschauliche Bilder oder Geschichten, um den Menschen eine griffige Vorstellung zu geben, die ihnen hilft, für bestimmte Lebensthemen einen Ansatz zur Verhaltensänderung zu finden. Manchmal kann man bestimmte Bilder auch nutzen wie eine Art" Checkliste", um zu schauen an welchem Punkt im Leben ein Mensch steht und welche Aspekte seines Lebens vielleicht entwicklungsbedürftig sind oder in Unordnung geraten sind. Eines dieser Bilder, welches ich gerne benutze, nenne ich: "Die Säulen des Lebens "

Man mag sich dazu vorstellen, dass das Leben eines Menschen auf vier Säulen ruht, genauso wie die Beine eines Tisches die Tischplatte stützen. Dabei ist es leicht einsehbar, dass alle vier Säulen in gewissem Maße ausgeprägt, stabil und belastbar sein müssen. Ist einer oder mehrere dieser Säulen unterentwickelt, oder eben "zu kurz", dann ist es leicht einsehbar, dass die Plattform, auf der das Leben ruhen soll, wackelt und instabil ist. Haben wir sogar eine ausgeprägte Schieflage dieser Lebensplattform, kann man sich gut vorstellen, dass es dann auch Angst macht und das Lebensgefühl des Menschen stark beeinträchtigt ist, denn wer würde schon gerne auf einer abschüssigen Ebene stehen oder sitzen, die am Rand abschüssig irgendwo ins Nichts führt.

Das Zuhause

Die erste Säule, auf der das Leben ruht, ist innerhalb dieser Geschichte das Zuhause, in dem ein Mensch lebt. Das Wort Zuhause kann für Menschen sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Für den einen mag ein Zuhause ein sehr kleines Zimmer sein, für den anderen ist ein großes Haus. Wichtig ist dabei aber weniger die konkrete Realität dieses Zuhauses, sondern die Gefühle, die der Mensch mit diesem Platze zum Wohnen und Leben verbindet.

Für einen jungen Menschen mag das erste eigene Zimmer ein großartiger Schritt ins Leben sein, selbst wenn er sich nur mit 10 m² zufrieden geben muss. Er ist darin ganz glücklich und gestaltet es erstmals nach eigenen Vorstellungen.

Für einen anderen Menschen, der vielleicht in einer großen Villa wohnt komplett mit Swimmingpool und allem Luxus, ist dieser Platz trotzdem ein trauriger Platz, wenn er niemanden hat, mit dem er dort sein Leben teilen kann.

Was es ausmacht, dass ein Haus oder ein Zimmer ein Zuhause wird, hängt ganz davon ab, welche Gefühle ein Mensch für diesen Platz hat. Damit hängt natürlich auch zusammen, in welchem Maße er sich dafür einsetzt, dass diese Behausung wohnlich ist und seinen Bedürfnissen entspricht. Es ist also in der Regel weniger eine Frage der konkreten realen Gegebenheiten, als vielmehr eine Frage, wie sich ein Mensch auf sein Zuhause bezieht, wieviel Liebe, Energie und Aufwand er investiert um die Wohnung wohnlich zu machen.

Das soziale Netz: die Freunde

Die zweite Säule im Leben sind die Menschen, mit denen man sich verbunden fühlt. Damit sind konkret vor allem die Freunde gemeint, die man sich im Laufe seines Lebens sucht, beziehungsweise die Begegnungen und Beziehungen, die sich über Jahre hinweg bewähren.

Wichtig ist dabei, dass diese Beziehungen freiwillig, gleich und wechselseitig sind. Freiwillig bedeutet bei solchen Beziehungen Bindungen die beide Menschen ohne äußeren Druck miteinander eingehen und in denen sie sich grundsätzlich frei fühlen, diese eventuell auch zu beenden, falls es notwendig wäre.

Dies unterscheidet Freundschaften stark von familiären Banden, auch wenn familiärer Bindungen natürlich auch ein wichtiger Faktor von sozialer Unterstützung und Geborgenheit sind. Im Unterschied zu Freundschaften sind aber familiäre Bande nicht freiwillig gesucht und auch nicht grundsätzlich unterstützend oder positiv.

Dem einen mag das Geflecht familiärer Bindungen einen großes Plus im Leben bedeuten, für den anderen mag es der Quelle allen Übels sein. In jedem Fall ist es aber das Netzwerk aus freiwillig gesuchten Beziehungen, die entweder das Gefühl von Freiheit und Geborgenheit verstärken oder gar erst überhaupt ermöglichen.

Gleichheit bedeutet, dass die beiden Menschen, die eine freundschaftliche Bindungen miteinander eingehen, das diese die Begegnung auf gleicher Augenhöhe suchen. Das bedeutet, dass es nicht so sein darf, dass der eine dem anderen in wesentlichen Aspekten der Beziehungen stark überlegen wäre. Freundschaft bedeutet an diesem Fall auch immer ein ausgewogenes Geben und Nehmen. Dieses ausgewogene Geben und Nehmen ist aber eben nur möglich, wenn beide Beteiligten gleich stark sind. Gleich stark beinhaltet eine Vielfalt von verschiedenen Aspekten von Stärke: finanzielle Stärke, soziale Stärke, persönlicher Stärke.

Am besten funktionieren Beziehungen, wenn sich die Beteiligten in diesen Aspekten möglichst ähnlich sind. Ist es beispielsweise so, dass in einer Freundschaft einer der Beteiligten stets in einer leidenden und bedürftigen Rolle ist, so mag dies eine durchaus eine feste Bindung bedeuten, aber sie ist nicht mehr nährend. Es mag dem Gebenden schmeicheln, so wichtig zu sein und es mag dem Empfangenen eine Beruhigung sein, so gut versorgt zu sein, aber es ist ungleich und daher nicht frei.

Letzten Endes tendieren ungleiche und unfreie Bindungen dazu, über kurz oder lang zu zerbrechen. Deshalb ist es so wichtig, dass Freundschaften wechselseitig sind. Es bedeutet, freiwillig den anderen zum Freund zu wählen und sich gleichermaßen gewählt zu erleben.

Arbeit und Kreativität

Für die meisten Menschen bedeutet arbeiten ganz einfach nur eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Das ist sicherlich richtig und insoweit ganz geradlinig. Die Frage aber, ob man sich mit seiner Arbeit wohl fühlt und sie ein positiver Bestandteil des eigenen Lebensentwurfes ist, hängt im wesentlichen von der Frage ab, inwieweit man durch seine Arbeit, beziehungsweise seine tägliche Tätigkeit (bezahlt oder nicht) die kreativen Fähigkeiten, die im betreffenden Menschen innewohnen, zum Ausdruck bringen kann.

In unserem Zusammenhang geht es also vor allen Dingen um die Fähigkeit, etwas Neues zu gestalten. Dabei liegt die Betonung sowohl auf dem "Neu" wie auf dem "Gestalten". Es geht darum, etwas zu erschaffen, was vorher nicht da war, oder aber es bedeutet, dem Gegenstand, mit in dem man sich beschäftigt, eine neue Formen zu geben. Bei manchen Tätigkeiten mag es dabei auch weniger um das Gestalten von Gegenständen gehen als vielmehr um das Gestalten von Arbeitsabläufen oder das Gestalten von menschlichen Zusammensein, beispielsweise bei Führungsaufgaben. Auch ist es nicht wichtig, ob die Arbeit gut bezahlt wird oder eben vielleicht gar nicht, wie sooft bei vielen hausfraulichen Tätigkeiten.

Natürlich bedeutet das Aufziehen von Kindern eine ausgesprochen kreative Tätigkeit, die dem Menschen Sinn und Erfüllung gibt. Manche Menschen kompensieren eine langweilige oder weniger erfüllende Arbeit durch intensive Freizeitgestaltungen oder Hobbys. Arbeitsforschern ist schon lange bekannt, dass immer da, wo Menschen ihre Arbeitszusammenhänge frei und eigenverantwortlich gestalten können, die Arbeitszufriedenheit steigt und die Fehlzeiten sinken.

Sexualität

Es mag den einen oder anderen überraschen, dass Sexualität hier eine solche Betonung erfährt. Die Sexualität hat in unserer Kultur eine sehr eigentümliche Rolle bekommen. Auf der einen Seite schreit uns eine kommerzialisierte Sexualität von jeder Plakatwand entgegen und alle Zeitschriften sind davon voll und auf der anderen Seite hört man von vielen Menschen, dass es ihm sehr schwer fällt, in ihren privaten Beziehungen, insbesondere in längerfristigen und verbindlichen Beziehungen, eine erfüllte Sexualität zu finden oder zu erhalten.

Während Sexualität in einer kurzen, leidenschaftlichen Begegnung sich geradezu von selbst einstellt, entsteht in verbindlichen Beziehungen ein verwickeltes Geflecht von gegenseitigen Abhängigkeiten und Kränkungen, die den freien Ausdruck der Zärtlichkeit und des sexuellen Verlangens behindern. Für sehr viele Menschen, die wir im therapeutischen Gespräch erleben, ist eine erfüllte Sexualität ein sehr zentraler Punkt der Lebenszufriedenheit.

Viele Menschen, die an Ängsten und Depressionen leiden, haben auch gleichzeitig problematische Partnerschaftsbeziehungen. Ändert sich das Beziehungsgeflecht, ändert sich auch häufig die Befindlichkeit. Haben Sie schonmal jemanden erlebt, der glechzeitig frisch verliebt und depressiv ist? Obwohl diese Zusammenhänge den gesunden Menschenverstand schnell einleuchten, sind sie in der etablierten Psychotherapie selten direkt thematisiert. Trotz aller oberflächlichen Liberalität fehlt es unserer Kultur immer noch an einer ehrlichen Auseinandersetzung mit dem großen Thema der Begegnung der Geschlechter.

Natürlich entscheidet die Sexualität nicht allein die ganze Qualität einer Beziehungen zwischen zwei Menschen. Was eine gute Sexualität ist, können nur die zwei Menschen miteinander herausfinden, die sich dabei begegnen. Die Bedürfnisse der Menschen in der Sexualität sind ebenso unterschiedlich wie die Menschen selbst.

Es ist vielleicht noch interessant zu besprechen, warum in dieser Aufzählung die Ehe nicht als ein gesonderter Faktor mitbetrachtet wird. Dies liegt daran, dass die nährenden und positiven Eigenschaften einer Ehe genauso gut durch die Themen im Bereich der Freundschaft besprochen wurden. Alles was gut ist an einer Freundschaft sollte auch in einer Ehe so sein: Freiwilligkeit, Gleichheit und Gegenseitigkeit.

Das es in unserer Kultur leider oft genug darauf hinausläuft, dass die Eheleute in ein Geflecht von Abhängigkeiten und Unfreiheit geraten, insbesondere sobald sie miteinander Kinder bekommen, ist ein sehr bedauerlicher Umstand. Wenn es einem Paar gelingt, miteinander freundschaftlich, um nicht zu sagen einfach nur freundlich umzugehen, ist damit schon sehr viel gewonnen und es ist nicht notwendig, in diesem Zusammenhang den Aspekt der Ehe besonders zu betonen.

Natürlich sei noch darauf hingewiesen, dass für eine Ehe all das was im Abschnitt Sexualität gesagt worden ist, um so mehr zu betonen ist. Natürlich ringen Ehepartner ebenso wie die Menschen in allen anderen Beziehungsformen mit dem Thema Sexualität, manchmal um so mehr, denn auch der Erhalt der Sexualität ist an Freiheit und gegenseitigem Respekt gebunden. Dies sind für viele Ehen schwierige Themen.

Manch einem, der diesen Text aufmerksam liest, mag aufgefallen sein, dass allen vier Aspekten oder "Säulen des Lebens" ein wesentlicher Aspekt gemeinsam ist. Dieser Aspekt wird in unserer Sprache mit einem furchtbar altmodischen Wort bezeichnet, welches gern und oft total missverstanden wird: es ist die Liebe.

Die Frage, ob eine Wohnung wohnlich wird, hängt davon ab, wie viel Liebe man hinein steckt. Auch für Arbeit gilt, wenn man sie mit Liebe tut, hört sie sogar auf, sich wie Arbeit anzufühlen und Kreativität wird ein selbstverständlicher natürlicher Ausdruck dieser Liebe.

Auch wird eine Freundschaft zwischen zwei Menschen erst durch die Zutat der Liebe zu einer echten Freundschaft und unterscheidet sich erst darin von den vielen gesellschaftlichen Begegnungen, die manch einer mit Freundschaft verwechselt.

Auch Sexualität entwickelt sich von einem rein körperlichen Bedürfnis zu einer Verbindung zwischen zwei Menschen erst in dem Moment, wo die körperliche Begegnung von Liebe und Gefühl getragen wird. So ist letztlich alles eine Frage der Liebesfähigkeit eines Menschen, die sein Leben trägt und formt.

Zum Test: Säulen des Lebens