Visualisierung

Nach einer Entspannungsübung in Verbindung mit einer Körperreise, malt sie folgendes Selbstbild

Eine Frau mit beinahe durchsichtigem Körper, ihr Gesicht ist schwarz umrandet, ihre Augen sind geschlossen, so als hätte sie sich von der Welt abgewandt. Ihre Stirn ist schwarz gekennzeichnet, sie trägt das Zeichen für eine Geschändete. Ihr Mund ist rot und durchblutet. Ihr Herz ist ebenfalls rot und durchblutet in der gleichen Farbe wie der Mund. Ihr Bauch enthält eine gelbe Fläche, aus der zwei große orangene Hände hervorkommen, die versuchen, das Herz zu erreichen. Eine berührt die Spitze des Herzens. Die Darstellung erinnert an ein Madonnen- oder Heiligenbild, es könnte das Bild einer Märtyrerin sein.

 Link: Vollbild Mathilde S. 18 kB

Monika nennt diese Frau Mathilde. Die Frau hat ihren Körper weggezaubert, damit nicht mehr so viel von ihr da ist. Die Hände sind entweder ihre eigenen Hände und sie versucht, ihr Herz zu spüren oder es sind die Hände von David, die ebenfalls verzweifelt versuchen, ihr Herz zu erreichen. Das Herz lebt zwar, aber es ist gut verschlossen.

 

Als Hausaufgabe bitte ich Monika, eine Frau zu zeichnen, die die genau entgegengesetzte Ausstrahlung zu Mathilde hat.

 Link: Vollbild Jessica 28 kB

Sie zeichnet das Bild einer jungen Frau mit langen Haaren, die in dynamischer Bewegung ist. Ihr Haar weht frei umher, ihre Arme sind hochgehoben, sie schaut mit klaren blauen Augen in die Welt. Sie ist mit wehenden durchsichtigen Tüchern bekleidet. Ihre Brustwarzen und ihr Nabel sehen wie Sternchen aus. Sie zeigt ihre makellosen Zähne. Die Frau strahlt Energie und Lebensfreude aus. Monika nennt diese Frau Jessica.

In den folgenden Sitzungen spielen wir Mathilde und Jessica sowie die Begegnung zwischen den beiden aus. Sie macht den Rollentausch mit Mathilde. Mathilde erzählt ihre Geschichte: Ich bin ein Waisenkind. Ich kenne meine Eltern nicht. Auf mir liegt ein schrecklicher Fluch, ich muß mein Leben lang leiden. Deshalb zeige ich mein Gesicht nicht, ich habe mich aufgegeben. Für mich gibt es keine Rettung, kein Erbarmen.

Ich als Leiterin: "Was ist das für ein Fluch, der auf dir lastet?"
Mathilde: Den hat Gott mir gegeben. Ich fordere sie auf, den Rollentausch mit Gott zu machen. In der Rolle von Gott sagt sie: Das stimmt nicht. Ich habe dich nicht dazu bestimmt zu leiden. Gut, dein Leben ist bisher nicht so toll verlaufen, aber das ist kein Grund, sich aufzugeben. Du schaffst dir dein Leiden selber. Ich habe dir viel mitgegeben, ich habe dir David geschickt.

Rollentausch. Mathilde wütend auf Gott: Du hast mich vernachlässigt. Und David hast du mir zu spät geschickt. Ich habe zu lange gewartet. Rollentausch. Ich nehme die Rolle von Mathilde und wiederhole die letzten Sätze. Monika in der Rolle von Gott ist hilflos: Ich habe dir genug gegeben, du bist sehr intelligent und sprachbegabt. Du siehst nicht schlecht aus. Du hast David. Du mußt endlich die Verantwortung für dein Leben in die Hand nehmen und dich nicht länger hinter deinem Leiden verstecken. Rollentausch. Ich spiele Gott und wiederhole die Sätze.

Mathilde trotzig: Als Kind habe ich so oft gebetet, wenn ich alleine war und Angst hatte. Du hast mich nicht beschützt. Wie kann ich jetzt sicher sein, daß du mir David geschickt hast und das David für mich gut ist? Rollentausch. Monika in der Rolle von Gott: Du mußt auf dein Herz hören. Du denkst viel zu viel über das Leben nach. Du mußt vertrauen.

Rollentausch. Mathilde sehr wütend: Du bist ein blöder Gott. Wie soll ich das machen, wenn ich so wenig gekriegt habe. Rollentausch. Gott: Mehr kann ich dir nicht geben. Es liegt an dir, was du daraus machst. In der Rolle von Gott empfindet Monika Wut auf Mathilde, die nicht zufrieden ist, mit dem was sie hat. Gott: Du könntest dich mal für David bei mir bedanken. Wer hat schon einen so liebevollen Partner. Statt dessen zerstörst du die Beziehung. Monika geht in den Rollentausch mit Jessica: Ich bin 23 Jahre alt und habe viele Freunde. Ich liebe das Leben. Ich habe auch keine Eltern mehr. Ich bin Stewardeß und reise gerne. Leider bin ich in Sprachen nicht so gut. Ich habe auch schon mal Probleme, Liebeskummer oder Angst. Aber wer hat das nicht. Ich lasse mich nicht unterkriegen.

In der Begegnung mit Mathilde wird Monika in der Rolle von Jessica schnell sehr wütend auf Mathilde. Jessica: Die will sich gar nicht helfen lassen. Die redet wie eine Schallplatte. Das ist ja schrecklich, diese Unzufriedenheit, dieses Nörgeln. Da muß ich mich abgrenzen. Ich spiele spontan eine andere junge Frau, eine Freundin von Jessica. Wir kleiden uns in bunte Tücher, lassen die schwarz verhangene Mathilde in der Ecke sitzen und unterhalten uns über das Tanzen und Reisen etc.

Am Ende dieser Sequenz ist Monika überrascht, daß es ihr so leicht gefallen war, die Rolle von Jessica zu nehmen. Einerseits machte es ihr großen Spaß, diese Rolle zu nehmen, andererseits hatte sie eine Stimme in sich, die ihr Verhalten abwertete, das ist ja gekünstelt, das ist affig und oberflächlich. Als ich sie fragte, wem diese Stimme gehören könnte, sagte sie, das könnte die Stimme meiner Mutter sein. In der Pubertät hatte ich mal eine Phase, in der ich lange Haare hatte und mich ein bißchen im Hippielook kleidete. Ich fühlte mich damals sehr wohl und war in einer Clique. Meine Mutter nahm mir den ganzen Spaß, als sie sagte, du siehst wie eine Hure aus, du bist sexbesessen, nur hinter Sex her. So wertet die Mutter auch heute die Beziehung zu David ab, dort komme es nur auf den Sex an.

Im weiteren Verlauf wurde Monika bewußt, daß Mathilde große Ähnlichkeit mit ihrer Mutter hat, die viel nörgelt und nie zufrieden ist. Wie Mathilde macht auch die Mutter Gott und andere Menschen für ihr Leben verantwortlich und projiziert ihre Ängste auf andere. Sie hatte früher ihre Mutter für eine "Jessica" gehalten, für hübsch, lebensfroh und selbstbewußt. Sich selbst sah sie an der Seite der Mutter als lästiges, häßliches Anhängsel. Dieses Bild von Mutter und Tochter mußte sie korrigieren. Mit dem, daß sie als Tochter aus dem Schatten der Mutter heraustrat, wurde sie traurig über die Verletzungen der Mutter, sie fühlte sich hilflos, verwundbar und orientierungslos.

Die Auseinandersetzung mit der Mutter, die Korrektur der Wahrnehmung von der Mutter als liebevoller Frau, die über ihre "mißratene" Tochter verzweifelt ist, in eine Frau voll Minderwertigkeits- und Neidgefühlen, die ihrer Tochter Schuldgefühle vermittelt, wann immer sie kann, und der Aufbau einer unabhängigen weiblichen Identität, waren für Monika ein langer und schmerzhafter Prozeß.