Farbige Tücher, Decken und Kissen
In meinem Therapiezimmer befindet sich eine große Holzschale mit ca. zwanzig, sehr dünnen, farbigen Seidentüchern. Ferner gibt es eine dunkelbraune und eine tiefblaue Decke, mehrere größere farbige Tücher, zwei weiße Bettlaken, sowie etwa 10-12 farbige Kissen. Die Tücher können als Verkleidungsutensilien dienen oder symbolische Funktion haben.
Ich möchte zwei Beispiele für eine Erwärmung mit dem Medium der Tücher, Decken und Kissen geben:
Ich fordere den Protagonisten auf, ein Standbild seiner aktuellen Lebenssituation aufzubauen. Er wählt dann z.B. ein Stofftier, eine Puppe, Stuhl, Kissen oder Tuch für sich und baut mit den anderen Hilfs-Ich-Materialien ein Bild. Therapeutische Fragen dazu können sein: Welche Menschen gibt es z.Zt. in seinem sozialen Atom? Wie sieht seine Beziehung zu diesen Menschen aus? Sind sie nah oder weit entfernt? Gibt es Erfahrungen aus der Vergangenheit, die seine jetzige Lebenssituation beeinflussen? Gibt es Zukunftsprojektionen? Anschließend schaut der Protagonist sein Bild an. Dabei hat er die Möglichkeit, Teile des Bildes zu betreten und zu spüren, ob sich seine Gefühle verändern. Wovon fühlt er sich angezogen? Wie erlebt er sein Bild, seine Position darin? Was möchte er gerne verändern? Gibt es Bereiche, die ihm soviel Angst machen, daß er sie am liebsten gar nicht sehen möchte? In den folgenden Sitzungen können bestimmte Teilbereiche des Standbildes erneut aufgebaut und Situationen, die mit den Gefühlen, Erinnerungen zu diesem Teil verbunden sind, ausgespielt werden.
Zu der Arbeit mit dem Standbild folgendes Beispiel:
Beispiel: Gerd
Ich fordere Gerd auf, ein Standbild seiner aktuellen Lebenssituation aufzubauen.
Er wählt Fred als Stand-In für sich selbst. Das für ihn düstere, rot-golden gestreifte Tuch steht symbolisch für sein "Unterbewußtes". Er empfindet es als bedrohlich. Das violette Tuch um seinen Hals steht für Leiden und Trauer aus einer Partnerschaftskrise, in der sich seine Partnerin von ihm trennte. Das heller violette Tuch an seinem Arm symbolisiert die Freundschaft zu einem Mann, die er als unterstützend erlebt. Das pinkfarbene und das orangene Tuch um sein Bein symbolisieren die Beziehung zu seiner Mutter und die zu seiner Schwester, die ihn belasten und einengen. Die beiden Puppen auf dem Stuhl vor ihm, sind zukünftige Patienten von ihm. Gerd befindet sich in einer therapeutischen Vollzeitausbildung zum Tanztherapeuten. Die Patienten machen ihm Angst, sie sehen für ihn so bedürftig und ansprüchlich aus. Die braune Decke steht für seinen Geschäftspartner, mit dem zusammen er Tanzveranstaltungen organisiert. Diesem Mann traut er nicht. Die Geschäftsbeziehung empfindet Gerd als "undurchsichtigen Sumpf ohne Boden".
Ich bitte Gerd, sich das Bild aus der Ferne anzuschauen. Gerd ist sehr berührt, er beginnt zu weinen. Gerd: "Das kann ich gar nicht ansehen. Der Gerd, der tut mir so leid. Der ist komplett überfordert. Der wird noch krank über all diesen Druck." Ich: "Es tut Ihnen weh, Gerd so zu sehen. Möchten Sie etwas für ihn tun?" Gerd: "Oh ja, ich möchte ihn da herausholen. Der muß da erstmal raus." Ich: "Holen Sie Ihn doch heraus." Gerd geht und nimmt Gerd auf den Arm. Er trägt ihn auf dem Arm und wiegt ihn wie ein kleines Kind. Gerd: "Ich möchte am liebsten ganz weit weg sein, von all diesen Belastungen. Ich bin so erschöpft und so orientierungslos. Ich muß mich erst einmal selber wiederfinden. Das verwirrt mich alles so, die Ausbildung, meine letzte Partnerschaft und meine Zukunftsängste."
Ich: "Möchten Sie Gerd in Sicherheit bringen? Ich zeige Ihnen einen Raum, in dem Sie Schutz finden." Wir gehen aus dem Gruppenraum, in dem ich meistens psychodramatisch arbeite, in mein Therapiezimmer. Gerd weint heftig und setzt sich mit Gerd auf dem Schoß in einen Sessel. Ich: "Wie geht es Gerd jetzt?" Gerd: "Er sieht ruhig aus. Ich glaube, hier geht es ihm gut. Schau, wie erschöpft er ist." Ich: "Es tut gut, ihn so zu halten. Halten Sie ihn ganz fest und spüren Sie die Ruhe und die Sicherheit." Gerd weint heftig: "Ich muß mich besser schützen. Ich muß einfach besser auf mich aufpassen. So wie ich bisher mit mir umgegangen bin, so geht das nicht." Ich: "Sprechen Sie mit Gerd. Was möchten Sie ihm sagen?" Gerd: "Du armer Kerl. Mach langsam. Paß auf dich auf." Er macht eine Pause, "Ich werde jetzt selbst plötzlich so müde. Ich muß mich nach der Therapiesitzung erst mal schlafen legen. Die Müdigkeit ist aber eine gute Müdigkeit. Ich habe das Gefühl, daß sich ein Stück Angespanntheit gelöst hat."
In der folgenden Sitzung erzählt Gerd, daß ihn die Sitzung sehr aufgewühlt hat. Er beschäftigt sich v.a. mit dem Thema des "Unbewußten". Durch die Selbsterfahrung innerhalb seiner Ausbildung werden viele Gefühle in ihm wach, so daß er Angst hat, von deren Intensität zerrissen zu werden. Ich schlage ihm vor, daß er sich seine Angst vor dem "Unbewußten" anschaut.
Er baut das "Unbewußte", das rot-golden gestreifte Tuch auf und setzt Fred als Stand-In für sich davor. Er macht den Rollentausch mit dem "Unbewußten": "Ich bin deine Vergangenheit. Ich bin schwer. Du möchtest mich gerne loswerden, aber das wirst du nicht schaffen." Rollentausch. Ich nehme die Rolle des "Unbewußten" und wiederhole die letzten Sätze. Gerd: "Du bist lebensbedrohlich. Du bist ganz gefährlich. Ich würde dich wirklich gerne loswerden." Ich schlage als Leiterin vor, daß Gerd sein Stand-In aus der Szene herausnimmt und in die äußerste Ecke des Raumes geht. Ich frage ihn, ob er sich zutraut, sich aus der Ferne das "Unbewußte" anzusehen.
Er nickt: "Ich weiß, daß ich nicht weglaufen kann. Ich möchte mich auch damit beschäftigen." Er wird nachdenklich: "Das Tuch erinnert mich an Linien, an Notenlinien. Ach Gott, ich hatte Sonntag morgens immer Klavierunterricht bei meiner Großmutter. Das war eine einzige Tortur. Ich war klein, vielleicht sieben Jahre alt. Ich mußte Bach spielen. Ich konnte das aber nicht. Jedesmal, wenn ich eine Note falsch spielte, schlug sie mir auf die Finger. Ich glaube, daß sie Spaß daran hatte, mich zu demütigen und mir wehzutun."
Ich fordere Gerd auf, die Szene aufzubauen. Er setzt sich vor die Tafel mit dem Tuch. Ich exploriere die näheren Umstände in der Rolle des Doppels: "Ich bin hier sieben Jahre alt?" Gerd: "Ja, es ist Sommer. Ich habe kurze Hosen an. Meine Großmutter sitzt ganz dicht neben mir. Ich höre ihren Atem. Mir ist das viel zu dicht." Ich stelle einen Stuhl als Symbol für die Großmutter neben Gerd. Ich selbst setze mich etwas von ihm entfernt: "Wie riecht sie?" Gerd: "Sie riecht nach Lavendel, so ein typischer "Alte-Frauen-Geruch". Sie hat einen großen Busen. Irgendwie finde ich den erregend. Es ist komisch. Ich spüre das jetzt, das ist ganz diffus, aber irgendwie hat das hier was sexuelles. Sie treibt ein Spiel mit mir, sie hat Spaß, daß ich ihr in dieser Situation ausgeliefert bin. Das spüre ich ganz genau. Wir sind ganz allein, der Rest der Familie macht einen Spaziergang. Das passiert hier ganz unter uns."
Ich weiterhin als Doppel: "Ich sitze so starr. Ich muß das hier nicht aushalten !" Gerd: "Ich bin wütend. Sie hat kein Recht, mit mir zu spielen. Ich will sie loswerden. Sie soll weiter weg." Er steht auf, nimmt den Stuhl, der für die Großmutter steht, und stellt ihn so weit weg, daß sie ihn nicht mehr schlagen kann. Gerd: "Großmutter, du bist schon okay so, aber bleib wo du bist." Er muß beinahe lachen: "So etwas blödes. Diese alte Frau, hat nichts besseres zu tun als kleine Jungs zu quälen. Hätte sie sich mal besser mit ihrem Mann auseinandergesetzt, aber da war sie zu feige dazu."
Ich frage Gerd nach seinem Befinden. Gerd: "Doch, so ist das okay. Ich hatte nicht das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Ich konnte mir das jetzt gut angucken. Es tut gut, jemandem Grenzen zu setzen. Es gibt noch viele Menschen in meinem Leben, die ich in ihre Schranken weisen möchte." Gerd erzählt, daß er in seiner Sexualität eine Vorliebe für sado-masochistische Spiele hat, in denen er die masochistische Rolle nimmt. Er brachte die Szene mit der Großmutter in Zusammenhang mit dieser Neigung und hatte das Gefühl, daß es noch mehr Erfahrungen mit sexueller Erregung in Verbindung mit Schmerz in seiner Kindheit gibt.



