Die kreativen Medien

Ton

Ich habe einen großen Tonklotz. Meist lasse ich den Patienten selbst entscheiden, ob er sich kleine Stücke abschneidet oder den Klotz als gesamtes bearbeiten will. In der Bearbeitung des Tons liegt bereits ein therapeutisches Moment, der Patient gibt seine Energie, seine aktuellen Empfindungen in die Bearbeitung des Tons ein. Ich kommentiere den Prozeß, manchmal dopple ich Gedanken oder Gefühle des Patienten.

Beispiel: Hannelore

Eine Patientin, Hannelore, formte den Ton zunächst mit geschlossenen Augen. Als sie die Augen auf meine Aufforderung hin öffnete, assoziierte sie mit der vor ihr liegenden Form Beckenknochen. Sie war sehr überrascht und wußte nichts damit anzufangen. Als ich sie bat, den Rollentausch mit dieser Form zu machen, ergab das Interview, daß es sich um ihr Becken handelte, das die Funktion hatte, ihre Nieren zu schützen, die bedroht seien. Das Becken teilte ihr mit, daß sie mehr entspannen, ihre Gefühle zulassen sollte. Hannelore hatte nach ihrer Scheidung, die 15 J. zurück lag, eine Nierenoperation gehabt. Eine aktuelle Partnerschaftskrise, in deren Zusammenhang sie stark depressiv dekompensiert war, war der Anlaß für die Therapie. Die Aktualisierung der mit ihrer Scheidung verbundenen Gefühle, die sie damals nicht zugelassen, sondern auf der somatischen Ebene verarbeitet hatte, zeigten ihre Kränkung und ihre Ängste vor einer erneuten Zurückweisung. Das Verhalten ihres neuen Partners, der Schwierigkeiten hatte, sich aus einer bestehenden Beziehung zu lösen und mit ihr ein neues Leben aufzubauen, ging ihr "an die Nieren".

Das Bild, das sie geformt hatte, und die damit verbundene Botschaft an sie, erschreckten sie. Sie beschloß, in der aktuellen Konfliktsituation nicht passiv, das Verhalten des Partners hinzunehmen, sondern ihren Wünschen und Bedürfnissen Raum und Ausdruck zu geben. In den folgenden Sitzungen spielte sie ihre Ängste im Bezug auf den aktuellen Partner aus und erprobte neues Verhalten im Kontakt zu diesem.

Andere Patienten formen bewußt Figuren, benennen diese und spielen die Geschichten dieser Menschen oder Tiere aus.

Bei der Arbeit mit Ton, Kreide baut sich meist ein Spannungsbogen über mehrere Sitzungen auf. Der Patient beschäftigt und erwärmt sich zunächst für das Material. Teilweise formt der Patient spontan, ohne eine bestimmte Form vor Augen zu haben, so daß erst durch intensives Interview bzw. den Rollentausch der aktuelle Bezug, eine Szene, herausgearbeitet wird. Teilweise hat der Patient bereits das klare Bild einer Szene und es macht ihm Spaß, diese detailliert auszugestalten. In der Ausgestaltung der Hilfs-Iche, der Mitspieler, die in der Szene beteiligt sind, liegt häufig ein kathartisches Moment. Das Ausspielen der Bilder findet dann in den folgenden Sitzungen statt.

Zu diesem Thema möchte ich ein Beispiel geben:

Beispiel: Manuela

Eine junge Patientin, Manuela, die seit dem 12. Lebensjahr unter starker Migräne litt, baut zu dem Thema ihrer Familie folgende Szene auf:

 Link: Vollbild Tonfiguren 22 kB

Sie formt einen Ball, mehrere Schlangen und bizarre Tiergestalten. Sie verwendet sehr viel Sorgfalt auf die Gestaltung der Szene. Sie kommentiert die einzelnen Figuren folgendermaßen:

Dieser Ball ist ein toller Ball, er ist bunt. Mit dem können alle spielen.

Diese Schlange ist satt. Sie hat gerade einen Hasen oder eine Ratte gefressen.

Diese Schlange ist neidisch. Sie hat heute noch nichts gefressen. Sie hat kein Interesse am Ball.

Die ganz kleine Schlange ist müde. Sie möchte gerne schlafen. Sie hat Angst gefressen zu werden.

Diese Schlange ist schüchtern. Sie hätte gerne mit dem Ball gespielt, sie hat sich aber nicht getraut.

Der Tausendfüßler wäre gerne eine Schlange.

Hier ist noch ein "komisches Tier", es weiß nicht, wer es ist und was es will.

Das Krokodil würde gerne alle fressen, es hat aber eine Maulstarre.

Das weitere Interview ergibt, daß die Tiere die Gefühle Manuelas darstellen, die sie im Verlauf des Tages empfunden hat. Beim Aufstehen fühlte sie sich satt und gut. Dann begann sie, ihre Hausarbeit zu verrichten und empfand Neid gegenüber anderen Müttern, die ihren Haushalt und die Kinder schneller bewältigen. Aufgrund ihres geringen Selbstwertgefühls fühlt sie sich häufig in sozialen Situationen unsicher und schüchtern. In der Schule litt sie darunter, von den Lehrern wegen ihrer zurückhaltenden Art für dumm gehalten zu werden. Sie war immer eine Außenseiterin, ein "komisches Tier" oder ein Tausendfüßler unter Schlangen. Sie sagt über sich: "Ein häßliches Tier, vor dem keiner Angst hat und das langweilig aussieht." Die Schlangen stehen für Erfolg. Schlangen regieren die Welt, sie sind schlau, hinterlistig, gefährlich und bei ihnen kann man sehen, ob sie etwas gefressen haben. Das Krokodil gefiel Manuela auch gut, es hat einen großen Mund, große Zähne und alle haben Angst vor ihm.

Ich fordere Manuela auf, mit dem Tier, das ihrer Meinung nach die größte Macht besitzt, den Rollentausch zu machen. Sie wählt die satte Schlange. Im Rollentausch verändert sie ihre Stimme, sie wählt eine eher dunkle und verführerische Stimmlage. Ich: "Wer bist du?" Die Schlange: "Ich bin eine Schlange, ich bin sehr schön. Schau mal, mein schönes Netzwerk. (Manuela aalt sich genußvoll am Boden und zeigt ihre Haut.) Ich bin sehr klug. Deshalb bin ich auch immer satt. Ich bin sehr gut genährt. Schau mal meinen Bauch. Ich habe gerade gefressen. Ich bin auch meditativ."

Manuela geht in ihre Rolle. Ich spiele die Schlange und wiederhole die Sätze. Manuela schaut mich hilflos und fasziniert zugleich an. Ich nehme wieder die Leiterrolle und lege die satte Schlange vor Manuela hin. Ich: "Wie geht es Ihnen im Moment?" Manuela: "Ich weiß nicht so recht. Ich fühle mich sehr angespannt. Die ganze Energie ist im Kopf. Ich kann da einfach nicht mithalten. Ich kann nicht argumentieren. Ich bin mundtot. Die Schlangen haben immer Recht."

"Sie haben gerade die satte Schlange gehört. Wer könnte denn noch so reden." Manuela aufgebracht: "Meine Familie natürlich. Außer meiner großen Schwester und meinem Lieblingsbruder sind alle so. Auch die Frau meines Lieblingsbruders und meine Freundin Katja sind so. Wenn ich das schon höre, man muß sich bürokratisch zurechtfinden, man muß perfekt sein und das ist das wichtigste, man muß das Teuerste zu den niedrigsten Preisen kaufen. Immer auf die Qualität achten. Man muß immer originell sein. Ich kann da nicht mithalten. Ich finde das so blöd. Man muß aus sich selbst heraus stark sein. Ich bin neidisch auf die Schlangen, aber ich bin auch wütend über das "blöde Gequatsche"."

Ich: "Wem möchten Sie das gerne direkt mitteilen?" Manuela: "Meiner Schwägerin Jutta. Sie hat mir meinen Lieblingsbruder weggenommen. Sie weiß immer alles besser. Sie unterdrückt meinen Bruder. Sie beherrscht die ganze Familie. Seit die verheiratet sind, habe ich kaum noch Kontakt zu meinem Bruder. Sie hört mir nie zu und haut mir ihre Ratschläge um die Ohren." Ich sage Manuela : "Heute wird nicht argumentiert. Heute müssen mal die anderen zuhören. Wählen sie ein Symbol für Jutta." Sie wählt Fred (vergl. Kap.: Fred) und behängt ihn mit Tüchern. Dann spricht sie aus, was sie von ihrer Schwägerin hält. Am Ende der Sitzung fühlt sie sich ein Stück erleichtert. Es tat ihr gut, mal ihre Stimme zu hören und nicht seitens des Gegenübers sofort gebremst zu werden.

Manuela ist die Jüngste von sechs Geschwistern. Ihre älteste Schwester ist 17 J. älter als sie, der zweitjüngste Bruder ist 6 J. älter als sie. In der Familie wurde sie als "Nesthäkchen", als die Kleine behandelt, die schön malen kann. Sie hat seit frühester Kindheit das Gefühl, daß ihr niemand zuhörte, daß niemand sie ernst nahm, weil sie eben die kleine Manuela war. Da alle "Großen" so mit ihren eigenen Problemen beschäftigt waren, hatte sie meistens still am Tisch gesessen und für sich gemalt.

Das soziale Atom Manuelas macht deutlich, daß sie bis auf die Beziehung zu ihrem neun Jahre älteren Bruder Rüdiger und zu ihrer Schwester Geli, die für sie wie eine Mutter war, zu allen Familienmitgliedern ambivalente Gefühle hat. Dabei hat sie das Gefühl, daß ihr von allen Familienmitgliedern positive Gefühle entgegengebracht werden. Die positiven Gefühle beziehen sich jedoch auf ihre Rolle der "Kleinen" in der Familie, einer Rollenfestschreibung, über die sich Manuela sehr ärgert. Wann immer sie in der Familie rebellierte oder sich um Autonomie bemühte, hätten die anderen sich über sie lustig gemacht.

In der folgenden Sitzung ist Manuela, sozusagen als Rest aus der vorangegangenen Sitzung, für die Konkurrenz zu ihrer Schwägerin erwärmt. Sie spielt ihre Eifersucht auf die Schwägerin aus. Sie will ihren Bruder wieder für sich alleine haben. Sie wird so wütend, daß sie die Schwägerin "tötet", um ihren Bruder zu bekommen. Als sie die Schwägerin "getötet" hat, erkennt sie, daß der Bruder sich hinter der Schwägerin versteckt, weil er ähnlich wie sie, introvertiert und ängstlich ist. Er ist froh, daß seine Frau alles für ihn regelt. Nach diesem Spiel entspannt sich das Verhältnis der Patientin gegenüber der Schwägerin sehr. Die Patientin fühlt sich von ihr nicht mehr bedroht. Sie findet sogar einen Weg, sich mit ihrem Bruder und den Kindern zu einem Ausflug zu verabreden.

In einer weiteren Sitzung frage ich Manuela, welches Tier für sie noch attraktiv ist und fordere sie auf, den Rollentausch zu machen. Sie wählt das Krokodil. Manuela im Rollentausch: "Ich bin sehr hungrig. Ich will sie alle fressen. Ich will meine Familie fressen. Ich will auch meine beiden Lieblingsgeschwister fressen, die sollen mich mal kennenlernen. Die sollen mal alle Angst vor mir haben." Ich: "Könnten die Kissen die Familienmitglieder symbolisieren?" Das Krokodil nickt: "Gib sie her. Ich will nicht mehr warten." Ich werfe der Prot. sieben Kissen hin. Sie zerrt an den Kissen, robbt über den Boden und genießt es zu fressen. Ich dopple sie: "Ich fresse euch alle mit Haut und Haaren. Das tut gut. Ich habe so gute, feste Zähne. Das gefällt mir richtig." Manuela in der Rolle des Krokodils nickt. Bei den letzten beiden Kissen verharrt sie und sagt: "Das sind Vater und Mutter, die darf ich nicht fressen, aus moralischen Gründen. Mir reicht das auch erst mal für heute."

Manuela erlebte die Rolle des Krokodils als lustvoll. Sie spielte in der Rolle einen Anteil, den sie sich als Manuela verbietet. Es wurde ihr deutlich, daß sie sich als Manuela in den meisten Auseinandersetzungen wie ein "Krokodil mit Maulstarre" fühlte und fand damit ein sehr treffendes Bild, das ihre Psychosomatik, die Migräne, charakterisierte. Das "Krokodil, das nicht zubeißen kann", steht für die angestaute Wut und Energie im Kopf. Über die Tierebene, den Rollentausch mit der Schlange, den Manuela sehr genußvoll und verführerisch genommen hatte, und den Rollentausch mit dem Krokodil, war Manuela in Kontakt mit ihren Gefühlen im Bauch gekommen.