Beispiel: Judith

Ich fordere die Patientin, Judith, auf, eine Lebenslinie aufzubauen, beginnend mit ihrer Geburt bis zum heutigen Tag. Bei dem Aufbau der Linie soll sie die emotionale Bedeutung der einzelnen Lebensphasen durch Farben darstellen. Judith wählt ein weißes Bettlaken für die ersten Lebensjahre, an die sie keine Erinnerungen hat, die braune Decke für ihre aktuellen depressiven Phasen, ein großes rotes Tuch für ihre wiederkehrenden Suizidgedanken und selbstdestruktiven Handlungen. Einen kurzfristigen Internatsaufenthalt, den sie als lebendig und positiv erinnert, markiert sie durch viele helle, leuchtend-farbige Seidentücher: sonnengelb, orange, türkis etc.. Leiterin und Protagonistin schreiten die Lebenslinie gemeinsam ab, wobei Judith ihre Lebenslinie, ihre Empfindungen, die für sie emotional bedeutsamen Lebensabschnitte beschreibt.

Durch das therapeutische Interview werden dann die Lebensereignisse, die eine positive Entwicklung blockiert haben, herausgefunden. Der Protagonist macht den Rollentausch mit dem Symbol oder einem der Symbole, das sie für diese Lebensphase gewählt hat. Ich bitte das Symbol, sich zu beschreiben. Mögliche therapeutische Fragen dabei sind: Wie siehst du aus? Wie groß bist du? Was bedeutet die Farbe, die du hast? Was ist deine Botschaft? Wofür stehst du im Leben von X? Kennst du X? Wer bist du für X? Meist werden durch den Rollentausch heftige Gefühle im Protagonisten ausgelöst, werden Erinnerungen an Erlebnisse und an bestimmte Menschen aus dieser Zeit wach. In den folgenden Sitzungen werden diese Erinnerungen ausgespielt.

Ich möchte das oben bereits kurz angesprochenen Beispiel Judith ausführlicher darstellen: Der Rollentausch mit dem "weißen Bettlaken" ergibt, daß es für die ersten fünf Lebensjahre der Protagonistin steht. Es gibt nichts, das Laken ist "weiße Fläche", steht für Leere und Gleichgültigkeit. Im Rollentausch hat Judith ein Gefühl, daß ihr sehr vertraut ist. Sie nimmt sich selbst als konturlos und schwammig war, "eine schwammige, wabbelige Masse, ohne Knochen." "Ich bin nicht da. Ich existiere nicht", ruft sie und weint. Wir holen ihre schwangere Mutter in die Situation. Im Rollentausch mit der Mutter wird deutlich, daß diese sich zwar auf ihr Kind freut und es ein Wunschkind ist, daß sie sich in der Schwangerschaft jedoch mit den Veränderungen ihres Körpers sehr unwohl fühlt. Die Mutter ist zu der Zeit erst 20 J. alt, sie ist kontaktfreudig und tanzt gerne. Während der Schwangerschaft fühlt sie sich unförmig, isoliert sich von ihrer Umwelt und hat "der wabbeligen Masse" ihres Bauches gegenüber eher ambivalente Gefühle.

Wir spielen die Empfindungen der Mutter gegenüber ihrem Baby nach der Geburt aus. Die Mutter ist einerseits stolz auf ihre kleine Tochter und freut sich, andererseits fühlt sie sich mit der Verantwortung für das Kind überfordert. Sie läßt das Baby häufig bei ihrer Schwiegermutter und geht mit Freunden aus. Judith ist wütend und enttäuscht über die Hilflosigkeit ihrer Mutter. Sie wählt die Babypuppe für sich. Als ich ihr die neugeborene Judith auf den Arm gebe, weint sie und sagt, "Dieses Kind ist so schutzlos. Das braucht Hüllen und Farben." Sie beginnt, das Baby in rosafarbene Tücher zu hüllen. Sie schämt sich ein wenig, so viel Intimität zu zeigen. Sie hat jedoch auch Spaß daran, das Baby zu schmücken und willkommen zu heißen. Wir feiern das Fest seiner Geburt. Als sie in der Rolle des Neugeborenen ist, tut es ihr gut, zu hören, daß sie willkommen ist, daß sie ein schönes Mädchen ist. Sie fühlt sich in die Tücher gehüllt, geborgen, ruhig und spürte eine tiefe Verbindung zu ihrer Seele. Am Ende der Sitzung fühlt sich die Protagonistin wacher und drückt das so aus: "Ich bin da.". Sie ist stolz auf sich und die kleine Judith.

Beispiel: Miriam

Bei der Therapie von Miriam war das Problem, daß sie sich seit Jahren nicht von ihrem Ehepartner trennen konnte, obwohl sie ihrer Ehe keine Chance mehr gab. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits viel Therapie hinter sich, eine zweijährige Psychodrama-Gruppe, ein Jahr Paartherapie. In der Biographie ist bedeutsam, daß sie als Co-Abhängige jahrelang ihre alkoholabhängige Mutter zu retten versuchte. In der Therapie stellte sich die Frage, welche Personen, sie an der Umsetzung ihrer Lebenswünsche bisher gehindert hatten. Da waren ihre Mutter, ihr Stiefvater, ihr Ehepartner. Sie wählte für sich selbst symbolisch die Farbe Grün und hüllte sich, auf den Sofa sitzend, ganz in die grünen Tücher. Sie visualisierte dann für sich das Bild einer angstfreien, selbstbewußten Frau, die ihr helfen könnte ihren Weg zu gehen. Später spielte sie diese Rolle psychodramatisch aus, kleidete sich öfter ganz in Grün und sagte, daß sie sich durch die Farbe stärker fühlte. Nach einem Jahr Therapie trennte sich die Frau endgültig von ihrem Mann. Bildhaft ausgedrückt, konnte sie "sich ein Herz fassen", diese Entscheidung zu treffen.

Patienten, die sich sehr labil fühlen, finden es angenehm, sich in blaue oder violette Tücher zu hüllen. Die Farben geben ihnen Schutz und Ruhe. Ein Patient, der massiven Grenzüberschreitungen in der Familie sowie sexuellen Übergriffen ausgesetzt war, hüllte sich in ein blaues Tuch, um mit mir leichter über diese Erfahrungen sprechen zu können. In der Farbtherapie steht die Farbe blau für Ruhe, Frieden, Trost und Kommunikation. Eine Patientin, die unter starker Migräne litt, nahm sich zur Unterstützung in der Therapie violette Tücher. Die Patientin hatte große Schwierigkeiten während einer Entspannungsübung, die Augen geschlossen zu halten. Als sie sich die Augen mit einem violetten Tuch verband, fiel es ihr leicht, Ruhe und Entspannung zu finden, Ihre Augenlider flatterten nicht mehr. Violett ist hilfreich bei Streß, Überaktivität, Grübelei. Patienten mit Ängsten oder Gewalt- und Mißbrauchserfahrungen erleben die Farbe Orange als unterstützend. Sie legen sich gerne orangene Tücher auf den Bauch oder hüllen den Bauch ganz damit ein.

Durch die Beschäftigung mit den Farben angeregt, legen viele Patienten mehr wert auf die Farben, die sie tragen. Die meisten Patienten kleiden sich im Verlauf der Therapie auffallend weniger schwarz, parallel zur Erweiterung ihrer "Handlungskompetenz", "bekennen sie Farbe". An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, daß die Farbe "schwarz" symbolisch für alle Farben zusammen ohne Licht gegenüber der Farbe "weiß" steht. Schwarz bedeutet, sich nicht entscheiden zu können. Manchmal gebe ich dem Protagonisten nach einem Spiel, in dem eine bestimmte Farbe eine unterstützende Funktion einnahm, das entsprechend farbige Tuch mit, damit er die Farbe in seinem Alltag ausprobieren kann.