Stoffpuppe "Fred"
"Fred" möchte ich gerne ein eigenes Kapitel widmen. In der Arbeit mit Aggressionen kam ich immer wieder an den Punkt, daß mein Protagonist einerseits hocherwärmt war, aber andererseits keine geeignete Projektionsfläche für seine Wut fand. Die meisten Protagonisten haben so viel Kontrolle, daß ihnen sehr wohl klar ist, daß der Therapeut in der Antagonistenrolle ist, und halten ihre Emotionen eher zurück. Wut und Sexualität sind gesellschaftlich stark tabuisierte Themen. In der Gruppenpsychotherapie habe ich die Erfahrung gemacht, daß der Protagonist erst durch die Unterstützung und die Erwärmung der Gruppe seine Wut ausspielen konnte. In der Einzeltherapie fehlt die Energie der Gruppe. Der Protagonist schämt sich, seine Wut offen zu zeigen, aus Angst vor Sanktionen und Sympathieverlust. In der therapeutischen Dyade, in der die Gefühle und Gedanken des Therapeuten ein größeres Gewicht bekommen, weil die Solidarität und der Schutz einzelner Gruppenmitglieder fehlen, setzen die erlernten Kontrollmechanismen stärker als in der Gruppe ein.
An dieser Stelle ist es wichtig, daß der Leiter ebenfalls für das Ausspielen von Wut erwärmt ist und dem Protagonisten zur Seite steht, so daß es zu einer Handlungskatharsis kommt. Da ich zum größten Teil mit Frauen arbeite, war ich auf der Suche nach einer geeigneten Puppe für Väter, Täter, Geliebte etc..
In der Psychodrama-Ausbildung habe ich wiederholt Situationen erlebt, in denen selbst trainierte Hilfs-Iche, die über einen längeren Zeitraum die Rollen von Tätern genommen haben, sehr unter den negativen Projektionen gelitten haben. Nicht immer haben Leiter rechtzeitig wahrgenommen, daß sie ihr Hilfs-Ich schützen müssen. Ich fand es daher sinnvoll, meine lebensgroße Puppe in ähnlichen Gruppensituationen als Stand In einzusetzen, um ein Hilfs-Ich schützen zu können.
Ich habe mich für eine ca. 1,70 m große, bewegliche, männliche Schaumstoffpuppe entschieden.
Sie ist hautfarben und hat kein Gesicht, so daß sie Raum für Projektionen läßt. Alle Gliedmaßen, Hände und Finger sind voll beweglich, so daß die Puppe sitzen und bestimmte Körperhaltungen und Gesten einnehmen kann. Ich habe sie "Fred" genannt, damit ich sie den Patienten vorstellen kann. Diese Puppe sitzt nicht in meinem Therapiezimmer, sondern im Gruppenraum. Viele Patienten empfinden die Puppe als derart menschlich, daß sie sich erschrecken, wenn sie den Gruppenraum durchqueren, um in mein Therapiezimmer zu gelangen. Einige Patienten fühlen sich durch die Anwesenheit der Puppe bedroht, so daß ich sie aus dem Raum entfernen muß, in dem ich mit ihnen arbeite.
Seitdem ich die Puppe habe, haben sich alle Patienten mit ihr beschäftigt. Die Reaktionen sind über Erschrecken, Neugier, Fragen nach dem Sinn der Puppe bis hin zu Belächeln und Abwertung sehr vielfältig. In Gesprächen thematisieren die Patienten von sich, aus welche Rollen "Fred" für sie haben könnte, Vater, Geliebter, Freund, aber auch Mutter, Schwester etc.. Die Puppe ist neutral gekleidet, daß sie mit Hilfe einiger Requisiten und Tüchern schnell in eine Frau zu verwandeln ist.
In der Regel wählen die Patienten von sich aus "Fred" für ihr Spiel. In der Arbeit mit Aggressionen hat sich leider herausgestellt, daß "Fred" vom Material her, der Wut, die freigesetzt wird, nicht standhält. Ich nehme ihn jetzt nur noch als Stand In und zur Erwärmung, halte jedoch Matratzen und schwere Kissen bereit, an denen die eigentliche Katharsis erfolgt. Ein entscheidender Vorteil in der Arbeit mit "Fred" ist, daß ich die Leiterrolle durchgängig behalten kann, so daß sich der Protagonist aufgehoben und sicher fühlt und nicht in eine Rollenkonfusion gerät. In der Arbeit mit "Fred" ist ein Derolling besonders wichtig. Der Protagonist erlebt die Puppe aufgrund ihrer Echtheit wie einen handelnden Menschen. Ich habe wiederholt erlebt, daß Patienten trotz Derolling in einer der folgenden Sitzungen beim Anblick der Puppe ausriefen, "Ach ja, mein Vater. Mit dem bin ich noch nicht fertig!". Daran wurde mir deutlich, wie intensiv die Übertragung auf die Puppe ist.


