Die Rolle des Therapeuten

An dieser Stelle möchte ich aus meiner persönlichen Erfahrung heraus berichten, welche Anforderungen die Arbeit mit kreativen Medien als psychodramatisches Agens an die Person des Therapeuten stellt.

Ich möchte kurz erwähnen, daß ich die meisten Patienten in der Einzeltherapie mit "Sie" anrede. Viele meiner Patienten wünschen diese Anrede, weil es für sie eine Form von Höflichkeit und Respekt ausdrückt. Es ist jedoch kein Problem für sie, daß ich, sie z.B. im Rollentausch mit einem Angehörigen mit "Du" anspreche. Der Wechsel der Anrede ist insofern hilfreich, daß ich sie als Leiterin mit "Sie" anspreche, so daß es über die Anrede nicht so leicht zu einer Rollenkonfusion kommt.

Wenn ich mit dem Protagonisten eine Szene beginne, gebe ich ihm eine Orientierung, indem ich sage, wer ich bin. Das sieht meist so aus:

  • "Ich spiele jetzt die Rolle von X und wechsle zum Du."
  • "Jetzt gehe ich aus der Rolle heraus und bin wieder ich selbst."
  • "Ich setze mich jetzt neben Sie und dopple Sie. Sie sagen mir, ob das, was ich dopple, stimmt. Ich bin jetzt ihr Doppel, ich wechsle jetzt zum Du."

Ich gebe dem Protagonisten z.B. folgende Regieanweisungen: "Rollentausch. Sie sind jetzt X. Ich bin jetzt in ihrer Rolle. Sprechen Sie mich direkt an. Was hat X mir Y zu sagen?" - "Ich gehe jetzt raus aus ihrer Rolle und bin wieder ich selbst. Sie bleiben in der Rolle von Y. Hier ist, z.B. die Miekatze, als Symbol für sie. Sprechen sie Y weiterhin direkt an." Ich exploriere dann als Leiterin z.B. die Gefühle die X, in diesem Fall der Antagonist, gegenüber dem Protagonisten hat, um Informationen über X zu erhalten und die Handlung zu konkretisieren. Je klarer die therapeutischen Anweisungen sind, um so mehr bleibt der Protagonist an seinen Gefühlen und auf der affektiven Ebene.

In der Einzeltherapie übernimmt der Therapeut fünf verschiedene Aufgaben, er ist Therapeut, Leiter, Hilfs-Ich, Doppel und Analytiker. Der Einsatz der kreativen Medien als Hilfs-Ich erleichtert mir, diese Aufgaben wahrzunehmen, ohne zu ermüden oder mich in meine eigenen Denk- und Wahrnehmungssysteme zu verstricken. Wenn z.B. mehrere Personen an einer Szene beteiligt sind, ist es mit Hilfe der Symbole, die diese Personen darstellten, leichter, sie in ihrer Beziehung zum Protagonisten zu erfassen und sie im Rollentausch klar voneinander abzugrenzen.

Durch den Einsatz von kreativen Medien findet ein rascher Wechsel von der kognitiven zur affektiven Ebene statt, es konkretisieren und verdichten sich die Gefühle des Protagonisten sehr schnell. Es ist wichtig, daß ich eine gute Telebeziehung zum Protagonisten habe, um diesem auch bei unerwartet heftigen Gefühlen oder bei einer überraschenden Wende der Spielhandlung folgen zu können.

Bei der Auswahl der kreativen Medien habe ich mich für die Spielmittel entschieden, zu denen ich selbst eine emotionale Beziehung habe. Im Rahmen einer Zusatzausbildung in Klientenzentrierter Spieltherapie habe ich in der Rolle des Kindes Erfahrungen mit den Materialien Ton, den Buntstiften, den Kreiden und den Handpuppen gesammelt. Ein Semester lang ging ich in der Rolle des Patienten einmal wöchentlich in eine spieltherapeutische Sitzung, mit einer Dauer von 50 Min. Diese Selbsterfahrungseinheit hat mir großen Spaß gemacht. Ich habe es genossen, mich nicht ausschließlich verbal ausdrücken zu müssen, kreativ sein zu dürfen. Ich hatte das Gefühl, sehr leicht eine intensive Beziehung zu meinem Therapeuten aufbauen zu können.

Die Spielmittel sollten auch mich als Therapeutin zum Spielen einladen. Die Tücher wählte ich z.B. ausschließlich unter dem Gesichtspunkt, ihrer schönen, leuchtenden Farben und ihrer Leichtigkeit. Ich habe selbst immer wieder große Lust, sie zu berühren, mit ihnen zu tanzen und mich in sie einzuhüllen, etc. Bei der Auswahl der Stofftiere habe ich die Tiere gewählt, die mir aus meiner Kindheit vertraut und nahe waren.

Ich habe mich bei der Auswahl der Medien erwärmt, indem ich mir folgende Fragen stellte: Welche Gedanken, Empfindungen, Impulse lösen die Stofftiere bei mir aus? Welches Stofftier hatte ich als Kind? Welche Spiele kann ich mit den Tieren spielen? Welche Geschichten verbinde ich mit den Stofftieren? Welches ist mein Lieblingstier? Welche Beziehung habe ich zu Ton? Welche Empfindungen löst die Arbeit mit Ton bei mir aus? Welche Beziehung, persönliche Erfahrungen habe ich mit Zeichnen? Wie und über welches Medium drücke ich mich selbst am liebsten aus? In welche Rollen würde ich "Fred" wählen? Welche Beziehung habe ich zu den Tüchern und den Steinen? Welche Farben würde ich wählen? Welche Rollen habe ich selbst als Hilfs-Ich bereits gespielt? Gibt es Rollen, die ich nicht nehmen kann? Gibt es Themen, die ich nicht begleiten möchte oder begleiten kann?

Dank der gründlichen Ausbildung im Umgang mit "surplus-reality" -Techniken, die ich am Institut für Psychodrama in Köln erhielt, ist es mir an vielen Stellen leichter gewesen, in die Welt der Phantasie und des Märchens zu wechseln (Vgl. Shearon, 1994). Die Spielmittel sprechen das Kind im Protagonisten an. Ich stelle zu meiner Orientierung immer wieder die Frage, wie alt bist du jetzt? Je nachdem, für welches Alter der Protagonist erwärmt ist, fällt es ihm leichter, eine Szene in der "surplus-reality" auszuspielen. (siehe auch "Surplus in der Einzeltherapie")

Ich habe es als zweckmäßig erlebt, meine Bilder mit in das Spiel hineinzubringen, um den Interaktionsraum zu erweitern. Dabei frage ich den Protagonisten, ob die Bilder für ihn hilfreich und unterstützend sind. Ähnlich wie beim Doppeln weise ich den Protagonisten darauf hin, daß er die Möglichkeit hat, Bilder des Leiters, die ihn nicht ansprechen und weiterbringen, zurückzuweisen.

Weil mir aus eigener Selbsterfahrung bewußt war, welches therapeutischen Potential in der Anwendung kreativer Medien liegt, fühlte ich mich im Einsatz der Medien sehr sicher. Anfangs habe ich Rollen sehr verhalten gespielt, um den Protagonisten nicht zu überrollen. Aufgrund meiner inzwischen dreijährigen Erfahrung im Umgang mit Psychodrama in der Einzeltherapie verlasse ich mich inzwischen mehr auf meine Intuition und mein Tele zum Protagonisten. Ich bin mutiger geworden, Rollen zu übernehmen und diese über einen längeren Zeitraum auszuspielen. Ich habe mehr Vertrauen in meine Wahrnehmung, Manchmal ist es förderlich für das acting out, v.a. im Ausspielen von Aggressionen, über eine lange Phase den Protagonisten als unterstützendes Doppel zu begleiten.

Zu Beginn meiner Arbeit hatte ich die Befürchtung, der Protagonist könne sich in solchen Momenten leiterlos fühlen. Heute weiß ich aus Erfahrung, daß das so nicht ist. Wenn ich unsicher werde, ob ich eine Rolle übertreibe, teile ich dem Protagonisten meinen Rollentausch mit und frage ihn, ob die Rollendarstellung für ihn so stimmt und wo er gerade ist. Teilweise kündige ich dem Protagonisten an, daß ich jetzt vorhabe, die Rolle zu übertreiben. Manchmal stoppe ich mein Spiel, wenn ich merke, daß die Erwärmung des Protagonisten nicht mehr da ist, und kündige ihm an, daß ich jetzt meine Phantasie von einer Rolle ausspielen werden, von der ich glaube, daß sie ihn verstärkt an seine Gefühle bringen wird. Ich sage dann, "Ich weiß zwar, daß X sich in der Realität so nicht verhält und sich wohl nie so verhalten würde. Ich denke aber, daß X sich auch so verhalten könnte. Ich spiele das mal aus und sie gucken mal, was sie dann am liebsten machen möchten."

Im Ausspielen von Gewalt- und Mißbrauchserfahrungen nehme ich grundsätzlich nicht die Rolle des Antagonisten, sondern bleibe als unterstützendes Doppel beim Protagonisten. Gerade bei stark tabuisierten Themen ist es wichtig, daß der Protagonist sich nicht alleingelassen fühlt und energetisch unterstützt wird. Ich habe festgestellt, daß eine Erwärmung wieder abklingt, wenn ich vom Doppeln zu schnell in die Leiterrolle wechsle.

Ich protokolliere alle Sitzungen im nachhinein und bereite sie gründlich nach. Teilweise fertige ich dazu kurze Skizzen an, um die Position der Hilfs-Iche auf der Bühne erinnern zu können, v.a. wenn mehrere Personen im Spiel beteiligt sind.

Dabei stelle ich mir bezüglich der Reflexion meines Verhaltens folgende Fragen: Wie habe ich mich während und nach der Sitzung gefühlt? War ich über den gesamten Verlauf im Kontakt mit dem Protagonisten? Wo habe ich deutlich Widerstand seitens des Patienten gespürt? Wie bin ich mit dem Widerstand umgegangen? Wie hoch war mein Anteil im Spiel als Hilfs-Ich bzw. als Doppel? Wie hoch war mein Anteil in der Leiterrolle? War die Verteilung von Leiterrolle und Hilfs-Ich bzw. Doppel für diese Spielhandlung therapeutisch hilfreich?

Die Protokolle sind hilfreich, Störungen zu bemerken und diese in der kommenden Sitzung direkt anzusprechen. Manchmal entscheide ich mich mit dem Protagonisten zusammen, bewußt ein Spiel in der folgenden Sitzung fortzusetzen, wie ich es in dem Beispiel mit Sabine in der Höhle beschrieben habe. Ich habe über mehrere Sitzungen die Rolle eines Prinzen frei gespielt und in Absprache mit der Protagonistin, dem Spiel bewußt seine Eigendynamik überlassen. Die Protokolle sind eine gute Vorbereitung und Erwärmung für mich zu Beginn der folgenden Sitzung.