Kreide, Buntstifte, Fingerfarben
In der Arbeit mit Farben, baut sich, ähnlich zu der mit Ton, häufig ein Spannungsbogen über mehrere Sitzungen auf. Ich möchte zwei Beispiele für die Erwärmung mit dem Medium Farbe geben:
Beispiel: Körperreise und Selbstbild
Die folgende Übung ist gleichzeitig ein gutes diagnostisches Instrument bezüglich der Selbstwahrnehmnung des Patienten. Der Patient liegt bequem mit geschlossenen Augen da und entspannt sich. Unter therapeutischer Anleitung nimmt er eine Reise durch seinen Körper vor, von den Füßen bis zum Kopf. Dabei geht es darum, wahrzunehmen und zu spüren, zu welchen Körperbereichen der Kontakt gut ist, welche werden kaum oder gar nicht wahrgenommen. Die Empfindungen sollen nicht interpretiert oder zugeordnet werden. Anschließend zeichnet der Patient spontan ein Selbstbild. In diesem Bild kommen seine Kränkungen und seine Defizite meist gut zum Ausdruck. Als Hausaufgabe soll der Patient die Gegenfigur zu seinem Bild zeichnen. In der folgenden Sitzung bekommen beide Figuren einen Namen. Jede wird im Interview vorgestellt, wobei herausgearbeitet wird, was das Lebensskript der Person ist, was hat sie der Welt zu sagen, wie ihr die Welt begegnet. Ein Beispiel für die Anwendung dieser Technik findet sich in Fallbeispiel Monika
An diesem Punkt betreten Leiter und Protagonist häufig die Ebene der "surplus-reality". Der Protagonist spielt die Person, die sein Leiden symbolisiert, aus. Über das Spiel erfährt er, welche Vorteile, welche Funktion seine Erkrankung hat. In der Begegnung mit dem leidenden Menschen fällt es dem Protagonisten meist schwer, diesen anzunehmen. Viele Protagonisten werden in der Antagonistenrolle ärgerlich, wenn ihnen z.B. eine ausgeprägte Opferhaltung gespiegelt wird. Sie können ihre Hilflosigkeit gegenüber einem Menschen, der sich aufgegeben zu haben scheint, kaum aushalten. An dieser Stelle erhält der Protagonist eine Einfühlung für den Therapeuten bzw. die Menschen seines sozialen Umfeldes. Patienten mit hoher Erwartungshaltung an den Therapeuten oder Autoritätskonflikten spüren erstmals, daß ohne ihre Veränderungsbereitschaft Therapie keinen Erfolg hat bzw. der Therapeut nicht "allmächtig" ist.
Im Dialog mit dem Leidenden fragen sich viele Patienten, warum ausgerechnet ihr Leben von soviel Qualen geprägt ist. Viele Patienten glauben, daß es in der Therapie darum geht, eine Ursache ihres Leidens zu finden. Sie hadern mit dem Schicksal und schreiben Gott die Verantwortung zu. Sie klagen Gott an, finden ihn ungerecht, fühlen sich von ihm nicht genügend unterstützt. Im Rollentausch mit Gott erleben sie häufig selbst Hilflosigkeit, v.a. dann, wenn Gott ihnen aufzeigt, welche Fähigkeiten sie haben, aus denen sie aber nichts machen. Der Dialog mit Gott ist therapeutisch bedeutsam, hier findet eine Auseinandersetzung mit "Heilungs- und Erlösungsphantasien" statt. Der Protagonist gibt sich im Rollentausch selbst den Schlüsselsatz, daß er sich zutraut, sein Leben zu bewältigen, und daß es darum geht, die Verantwortung für sein Handeln selbst zu tragen. Es fallen Sätze wie, "Du mußt dein Leben selbst in die Hand nehmen", "Du bist für dich selbst verantwortlich." "Du versteckst dich doch hinter deiner Krankheit."
Der Therapeut hat die Möglichkeit, die Enttäuschung, vom Schicksal benachteiligt worden zu sein, sich von Gott und den Menschen verlassen zu fühlen, therapeutisch zu begleiten. Mögliche therapeutische Fragen sind dabei: Von wem hätte der Patient Hilfe gebraucht? Wer hat seine Rolle, Vater und Mutter zu sein, in seinem Leben nicht genommen? Ist es möglich, ohne Vater und Mutter in die Welt zu gehen? Wut und Ärger darüber, daß das Leben so anstrengend ist, daß es in dem Sinn keine Erlösung gibt, können ebenso bearbeitet werden. Vielen Patienten wird an diesem Punkt bewußt, welche Stärken sie besitzen, im Kontakt mit der Wut wachsen ihre Lebensenergie und ihr Selbstbewußtsein.
An dieser Stelle thematisieren die Patienten z.T., daß sie ähnliche Heilungsphantasien, wie auf Gott, auf den Therapeuten projiziert haben. Positiv dabei ist, daß der Protagonist seine Heilserwartung an den Therapeuten jetzt zurücknehmen kann, ohne mit ihm in einen Konflikt gehen zu müssen.
In der folgenden Sitzung wird der Antagonist, die eingangs gezeichnete Gegenfigur zu der leidenden Person, die die Defizite nicht aufweist, ausgespielt. Was ist ihr Leitsatz zum Leben? Diese Person ist häufig positiv besetzt, selbstbewußt, sexuell, erfolgreich, angstfrei. Sie symbolisiert die Seite des Protagonisten, die er leben könnte, wenn er seine Ängste und Kränkungen überwunden hat. Der Protagonist fühlt sich in dieser Rolle oft nicht echt, hat das Gefühl zu übertreiben und ist sehr verwundbar, andererseits findet er diese Person attraktiv. In diesem Zusammenhang findet meist die therapeutische Auseinandersetzung mit der Person seines Lebens statt, die verhindert hat, diesen Anteil zu leben. Eine weitere therapeutische Möglichkeit, stellt der Dialog zwischen beiden Anteilen dar, zu Themen wie Liebe, Sexualität etc.. Was haben sich beide, zu geben? Diese Intervention ist hilfreich, die defizitäre Seite der Persönlichkeit zu integrieren und sich mit dem Leben und "Gott" auszusöhnen. (Vgl.: Fallbeispiel Monika)
Beispiel: Spontanes Spiel
Der Protagonist wird erwärmt für das Alter von fünf Jahren und kommt in eine Spieltherapie. Er findet ein Zimmer mit Puppen, Stofftieren, Ton und Farbstiften vor. Er hat die Aufgabe, seine Gefühle, was ihn bewegt, nonverbal mitzuteilen, über Spielen, Modellieren oder Zeichnen. Diese Intervention hat sich als besonders hilfreich erwiesen in Therapien mit einem Verdacht auf frühen sexuellen Mißbrauch oder Grenzüberschreitungen durch Gewalt. In den Zeichnungen der Patienten fanden sich deutliche Hinweise auf solche Erfahrungen. Im weiteren Ausspiel oder Zeichnen wird der Protagonist angeregt, eine starke Figur, einen Helden oder Beschützer zu kreieren, oder selbst als heute Erwachsener dem hilflosen Kind, beizustehen. Der Protagonist hat die Möglichkeit, sein Trauma zu verarbeiten, ohne selbst hineingehen zu müssen. Er kann es auf dem Papier als Playback inszenieren und dabei gleichzeitig ein neues Skript gestalten. In dieser Arbeit wohnt der Ausgestaltung und dem Umgang mit den Farben ebenfalls ein kathartisches Moment inne.
Das Blatt Papier kann zur Bühne werden, auf der der Protagonist sein Stück entwirft. (Vgl. Fallbeispiel Monika, "Das Bild der dritten Sitzung"

