Die Erwärmung des Protagonisten

Die meisten Patienten bemerken die Hilfsmittel in meinem Therapiezimmer sofort und fragen neugierig nach, ob ich diese Dinge in der Therapie benutze. Im Erstgespräch stelle ich mich den Patienten vor und erzähle ihnen, mit welchen Schwerpunkten ich arbeite. Ich erkläre ihnen die Methode des Psychodrama mit den dazugehörigen Begriffen, wie Hilfs-Ich, Doppeln, Tele, Soziales Atom. Ich erzähle ihnen, warum sie Puppen, Stofftiere, Fred, Steine, Kissen und Tücher in meinem Therapiezimmer finden und lade sie ein, die Dinge, die ihnen gefallen, zu betrachten und anzufassen. Ich erfrage, ob sie einen Zugang zu dem Material Ton und dem Zeichenmaterial haben und welche Ausdrucksmöglichkeiten ihnen Spaß machen.

Wenn ich mich entscheide, mit einem Patienten psychodramatisch zu arbeiten, erhebe ich eine gründliche Anamnese über einen Zeitraum von fünf Sitzungen. Bei der Erhebung der Anamnese sammle ich mit dem Patienten gemeinsam Bilder, Szenen, Situationen seiner Biographie, z.B. bei einer Frau mit Adipositas, die Situation am Mittagstisch, in der ihre anorektische Mutter die von ihr so "geliebten Nierchen" abzählt oder das Essen am Heiligen Abend mit dem abgezählten Fonduefleisch. Ich stelle z.B. die Frage, welche Lebensereignisse fallen ihnen im Zusammenhang mit ihrer Störung ein? Wie alt sind sie in den Situationen? Ich versuche, den Patienten für die psychodramatische Denkungsweise in Bildern und Rollen zu erwärmen. In die Anamnese beziehe ich das "Genogramm", den Familienstammbaum, mit ein. Meist erstelle ich zu Beginn der Therapie mit dem Patienten gemeinsam ein soziales Atom seiner aktuellen Lebenssituation, in dem er die für ihn wichtigen Personen und seine Beziehung zu diesen Menschen darstellt. Dabei stelle ich Fragen, z.B.: Gibt es ein soziales Netz? Wer könnte ihn auffangen, wenn es ihm schlecht geht?

Ich erfrage die Rollen, die der/die Patient(in) z.Zt. einnimmt: Die Rolle des Geliebten, des Vaters, der Mutter, der Ehefrau, etc.. Welche Rollen hat er/sie in seiner/ihrer Familie eingenommen? Haben sich Rollen im Verlauf seines/ihres Lebens verändert, z.B. die Rolle des "Nesthäkchens", "des Prügelknaben", etc.? Gibt es Rollen, die er/sie gerne ablegen möchte?

Um die Veränderungswünsche zu konkretisieren, bitte ich den Protagonisten um eine "Zukunftsprojektion", wobei ich einen erfolgreichen Abschluß der Therapie vorwegnehme. Mögliche Fragen zu diesem Thema sind: Was haben sie am Ende der Therapie für sich erreicht? Wie hat sich ihre Symptomatik verändert? Welche Menschen sehen sie in ihrem sozialen Atom? Von welchen Menschen haben sie sich verabschiedet? Welche Rollen leben sie? Sind neue Rollen hinzugekommen, die sie jetzt noch nicht ausfüllen? Wo und in welcher Lebensform leben sie? Wo und was arbeiten sie? Wie fühlen sie sich in ihrem Körper?

Ich befrage den Protagonisten ebenso zu folgenden Themen: Gibt es Vorbilder, Helden, Märchenfiguren aus seiner Kindheit? Welche Rollen würde er/sie gerne einmal spielen, wenn er/sie den Mut dazu hätte?

Nachdem ich zu den o.g. Themenbereichen Informationen gesammelt habe, entscheide ich mit dem Patienten gemeinsam, mit welchem Lebensbereich, mit welchen Menschen, er sich zuerst in der Therapie beschäftigen möchte.

Die folgenden Sitzungen beginne ich damit zu erfragen, ob der Protagonist nach wie vor für das abgesprochene Thema erwärmt ist, oder ob aktuelle Ereignisse ihn z.Zt. mehr berühren. Ich schlage dann meistens eines der explorierten Bilder vor und fordere den Protagonisten auf, die Szene einzurichten.

In der Regel arbeite ich einmal wöchentlich für die Dauer von 50 Min. Die gründliche Anamnese erleichtert den Einstieg und die Erwärmung des Protagonisten. Wenn ein Patient bereits über einen längeren Zeitraum von mindestens zwei Jahren bei mir in Behandlung oder in Supervision ist, wechsle ich schon mal auf einen 14tägigen Rhythmus mit 100 Min. Therapiezeit.

In diesem verlängerten Setting beginne ich die Sitzung damit, daß ich den Protagonisten auffordere, die Themen zu benennen, die ihn z.Zt. beschäftigen. Ich bitte ihn, für jedes Thema ein Symbol zu wählen. Dann fordere ich den Protagonisten auf, um die Symbole herumzugehen und zu spüren, für welches der Themen seine Erwärmung am größten ist. Ich begleite den Prozeß mit Fragen wie: Welchen Abstand haben die Themen zu mir? Welches ist mir besonders nah? Welches macht mir die größte Angst? Welches müßte ich dringend bearbeiten und würde mich aber am liebsten davor drücken? Mit dem Psychodrama vertraute Patienten kommen mit diesem Setting sehr gut klar.

Nach einer sehr intensiven Durcharbeitung mit heftiger Katharsis benötigen die meisten Patienten zwei bis drei Sitzungen, um das Erlebte zu integrieren. Häufig müssen sie sich nach der Arbeit mit stark tabuisierten Themen erst einmal meiner Zuwendung versichern, denn gerade bei diesen Themen ist die Angst vor Ablehnung besonders groß. Nach der Reflexion einer solchen Arbeitsphase, bespreche ich mit dem Patienten gemeinsam, wie es weitergeht. Mir ist es wichtig, die Patienten in den Prozeß der Themenauswahl und in das psychodramatische Denken einzubeziehen. Der Patient fühlt sich einerseits ernst genommen und setzt dann dem Leiter weniger Widerstand und Autoritätskonflikte entgegen. Andererseits ist es für den Patienten ein erster Schritt, die Verantwortung für sein Handeln mitzutragen.

Bei Patienten, die in einem kognitiven Widerstand verhaftet sind, bereite ich manchmal das Therapiezimmer vor und schaue, wie in einem Spontaneitätstest, was passiert.