Beispiel: Anna

So stellte ich z.B. für eine Patientin, Anna, einen Leiterwagen, gefüllt mit Stofftieren und Bilderbüchern, mitten ins Therapiezimmer. Als Anna das Zimmer betrat, war sie neugierig auf den Inhalt des Wagens. Sie hatte dann sehr schnell ein Bild ihrer Kindheit vor Augen, als sie 5 J. alt ist und unter einem Hochbett mit ihren Stofftieren Schule spielt. Sie ist die Lehrerin und sehr streng. Dann wurde sie sehr traurig über den Verlust ihres Zuhauses. Die Mutter der Patientin hatte Suizid begangen, als Anna 12 J. alt war. Anna wurde daraufhin zunächst bei einer Tante untergebracht. Als sie dann zu einem späteren Zeitpunkt die Wohnung betrat, in der sie vorher die ganzen Jahre über mit ihrer Mutter alleine gelebt hatte, gab es weder das Hochbett, noch ihre Tiere und Bilderbücher. Ihr Vater hatte die Wohnung leer geräumt und ihre Spielsachen zum größten Teil an jüngere Kinder der Verwandtschaft verschenkt.

Für die sehr depressive Patientin war es gut, in der psychodramatischen Auseinandersetzung mit dem Vater ihre Wut und Enttäuschung an diesen zurückzugeben. Sie hatte sich bislang gegenüber dem Vater als minderwertig und seinen Argumenten nicht gewachsen gefühlt. Es tat ihr gut, zu sehen, daß ihr Vater einen Fehler gemacht hat und sich ihm gegenüber zur Wehr zu setzen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die Patienten im Verlauf der Therapie eine Beziehung zu den kreativen Medien aufbauen, insbesondere zu den Stofftieren und Puppen. Sie drücken ihre emotionale Befindlichkeit spontaner aus. Manchmal bauen sie direkt zu Beginn der Sitzung ein Bild auf, an dem sie arbeiten möchten, ohne daß ich sie über ein Thema befragen muß. Sie nehmen zum Beispiel die "Miekatze" in den Arm und setzen sich mit ihr auf das Sofa.

Beispiel: Berlind

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Berlind beginnt die Sitzung mit folgenden Worten: "Heute geht es mir "miekatzig". Wissen sie, was das heißt?" Sie hält mir die Miekatze entgegen, so daß mich die Katze fragend anschaut. Ich frage:" Soll ich mit der Miekatze sprechen?" Berlind nickt.

Ich: "Miekatze, du siehst traurig aus, so als ob du dich sehr alleine fühlst." Die Miekatze nickt. Ich: "Miekatzen brauchen ein Zuhause, wo sie sich wohl fühlen und eine Schale Milch vorfinden, nicht wahr?" Die Miekatze nickt und miaut. Ich: "Schau, bei mir gibt es einen warmen Ofen mit einer Ofenbank, wo du dich wärmen kannst, möchtest du dich dort hinlegen?" Ich zeige der Miekatze mein Sofa als Ofenbank. Berlind legt die Katze dort hin.

Berlind macht den Rollentausch mit der Miekatze. Ich frage: "Miekatze, wie fühlst du dich?" Berlind in der Rolle der Miekatze: "Ich habe kein Zuhause. Keiner hat mich richtig lieb, keiner spielt mit mir." Sie beginnt, heftig zu schluchzen. Rollentausch, ich nehme die Rolle der Miekatze. Berlind in ihrer Rolle. "Du tust mir so leid. Das hast du nicht verdient." Ich nehme die Leiterrolle und frage Berlind nach ihren Gefühlen zu der Katze auf der Ofenbank. "Die ist noch so klein. Da soll jetzt endlich mal einer kommen, die liegt da schon so lange. Die Erwachsenen sind alle so blöde. Die verstehen gar nicht."

Ich frage als Leiterin: "Verstehst du die Miekatze?" Berlind weint heftig: "Ja klar, die ist verschuppt, ein verschupptes Kind, genau wie ich?" Ich: "Wer hat dich verschuppt?" Berlind : "Meine beiden Mütter. Die beiden Frauen, bei denen ich bis zum Alter von 4 J. im Kinderheim aufgewachsen bin. Plötzlich durfte ich dort nicht mehr sein und mußte bei meinen Eltern leben. Die haben noch gesagt, Eltern zu haben, daß sei was besonderes und ich solle glücklich sein. Die haben noch gesagt, ich soll ganz lieb zu denen sein und denen helfen. Dabei waren die gar nicht lieb zu mir, geschimpft habe die viel und Englisch haben die mit mir geredet. Ich habe gar nichts verstanden und mußte sie Mamy und Daddy nennen. Ich durfte nicht weinen. Aber eine kleine Katze weint doch, wenn sie von zu Hause verschleppt wird, nicht wahr?" Ich bestärke sie aus der Leiterrolle: "Natürlich weint eine kleine Katze viele Tage und Nächte, wenn sie ihr Nest verliert." Berlind sagt beinahe trotzig: "Eben. Ich habe doch ein Recht zu weinen. Ich muß doch gar nicht tapfer sein." Ich bestätige: "Natürlich mußt du nicht tapfer sein."

Berlind geht wieder in den Rollentausch mit der Miekatze, Berlind weint in beiden Rollen sehr. In der Rolle der Miekatze sagt sie: "Ich würde ja am liebsten nach Hause (Berlind meint damit das Kinderheim) zurücklaufen, aber ich weiß gar nicht, wo das ist. Es ist so weit weg. Es ist alles so fremd hier. Ich habe große Angst." Rollentausch.

Berlind nimmt die Miekatze hoch an ihre Brust und sagt: "Wir müssen zusammenhalten, ich beschütze dich und du beschützt mich. Willst du das machen?" Ich sage aus der Leiterrolle: "Die Miekatze sieht so aus, als ob es ihr bei dir gut geht." Berlind schaut die Katze an: "Ja, das finde ich auch. Die ist so lieb, die mag ich." Sie guckt mich an und lächelt etwas verschämt: "Ich mag mich selbst nämlich auch. Aber die anderen sind nicht lieb zu mir." Ich nehme ihre Rolle und wiederhole die letzten Sätze. Berlind bestätigt: "Du hast das wirklich nicht verdient, daß die alle so gemein zu dir sind. Du mußt mit denen mal ordentlich schimpfen."...

Ich möchte es bei diesem Ausschnitt der Sitzung bewenden lassen. Die Patientin fühlte sich nach der Sitzung sehr erleichtert, sie leidet unter schweren Depressionen. Sie hatte das Gefühl, daß die Szene mit der Miekatze ein Schlüssel zu ihren Depressionen ist. Es tat ihr gut, ihre Kränkung durch die beiden Heimleiterinnen auszudrücken. Sie hatte nicht nur unter der Trennung von den beiden Frauen gelitten, sondern v.a. darunter, daß sie bei späteren Besuchen im Kinderheim nicht über die Kälte ihrer Eltern und ihre Einsamkeit hatte weinen und klagen dürfen. In solchen Momenten gingen ihre "beiden Mütter" über ihre Gefühle hinweg, lenkten sie sie mit Sätzen ab wie: "Schau doch mal die bunten Blumen." oder "Komm wir basteln etwas." oder "Sei froh, daß du Eltern hast und kein Waisenkind bist."

Irgendwann hatte sich die Patientin, um die Sympathien der Heimleiterinnen nicht zu verlieren, emotional verschlossen und ihre Traurigkeit nicht mehr gezeigt. Statt dessen spielte sie im sozialen Kontakt eine fröhliche und selbstbewußte Frau. Sie bezeichnete diese Rolle selbst folgendermaßen: "Damit es so aussieht wie Berlind." In einer späteren Partnerschaft regredierte die Patientin in der Beziehung zu ihrer Partnerin Edith häufig zum kleinen Kind und weinte viel. Dieses Weinen erlebte sie als entspannend. Nachdem sich Edith von ihr getrennt hatte, litt sie unter schweren Depressionen in Verbindung mit Suizidgedanken, so daß ihr nach einem stationären Aufenthalt eine ambulante Einzeltherapie nahegelegt wurde.

Die Patientin konnte in dem Spiel mit der Miekatze nicht nur ihre unterdrückte Trauer ausdrücken, sondern sie hatte in der Miekatze jemanden gefunden, der ihre Gefühle teilt und ihre Situation verstehen kann. Mit der Miekatze konnte sie sich gegenüber den "gemeinen Erwachsenen" verschwören und fühlte sich nicht mehr allein. Dieses Gefühl verglich sie mit den Gefühlen, die sie in ihrer Partnerschaft empfunden hatte. Sie konnte die tiefe Trauer, die sie nach der Trennung empfunden hatte, in Verbindung mit ihrer emotionalen Abhängigkeit von ihrer Partnerin sehen. Sie hatte dort zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, trauern zu dürfen. Die Miekatze erleichterte ihr den emotionalen Zugang zu dem inneren Kind, dem vierjährigen kleinen Mädchen, das mit den Lebensveränderungen überfordert ist, dessen Gefühle jedoch niemanden zu interessieren scheinen. Die Patientin erlebte es als heilsam, in der therapeutischen Situation einem Leidensgenossen zu begegnen, dessen sie sich sicher sein konnte. Sie bräuchte nun nicht die Befürchtung zu haben, die Miekatze könne sie verlassen, oder mit ihr spielen, wie es ihre Partnerin mit ihr getan hatte. Sie hatte nach der Trennung das Gefühl, von der Partnerin benutzt worden zu sein. In einem klar abgegrenzten Raum trauern zu dürfen, empfand sie als unterstützend und angstlösend.