Einleitung

In der psychodramatischen Arbeit in der Einzeltherapie bin ich wiederholt an Grenzen gestoßen, vor allem in der Aufarbeitung von Aggressionen oder frühkindlichen Erfahrungen. Zum einen fühlte ich mich blockiert, weil ich nicht frei war, in die Rolle des Antagonisten zu gehen, zum anderen fehlte mir die Energie der Gruppe, um Gefühle zu maximieren. Im Gegensatz zu Psychodrama in der Gruppe erlebte ich die Interaktion in der Einzeltherapie als stark reduziert. Ich hatte immer wieder Sitzungen, die ich als zäh und ermüdend empfand. Weil ich mich sowohl in der Leiterrolle als auch in Hilfs-Ich-Rollen häufig zurücknahm, um der Spontaneität und der Kreativität des Protagonisten Raum zu lassen, ermüdete mich meine eigene Gebremstheit schnell. Viele Patienten sind vor allem zu Beginn einer Therapie nicht fähig, sich auszudrücken und benötigen Unterstützung.

In der therapeutischen Gruppe gibt es so viele Interaktions- bzw. Ausdrucksmöglichkeiten, daß sich Scheu und Zurückhaltung zwischen den Gruppenmitgliedern schnell abbauen. Über den engen Kontakt zu einzelnen Gruppenmitgliedern kann ich mir als Teilnehmerin in einer Gruppe emotionale Sicherheit verschaffen. Ich kann mich in einer Gruppe auch einmal zurücknehmen, wenn ich keine Aufmerksamkeit auf mich lenken möchte.

Die therapeutische Dyade im Einzelsetting stellt eine für den Patienten zunächst unsichere und häufig angstbesetzte Situation dar. In der Person des Therapeuten sieht er eher Eltern, Vorgesetzte und Autoritätspersonen. Die Schwelle, im psychodramatischem Sinne, "die Bühne zu nehmen" und etwas auszuspielen, ist für den Patienten wesentlich größer. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß Patienten Angst bekamen und mich nicht als Therapeut und Leiter, sondern als Zuschauer sahen. Sie hatten wirklich das Gefühl, sich vor mir zu entblößen. Im Rollentausch mit meinen Patienten konnte ich diese Ängste gut nachvollziehen.

Für meine Arbeit als Psychodramatikerin wünschte ich mir, in der Einzeltherapie ebenso spontan und schöpferisch handeln zu können, wie ich es aus der Gruppentherapie kannte. Die Kürze der Zeit, in der Einzeltherapie sind normalerweise 50 Minuten Therapiedauer üblich, erfordert gezieltes und klares Handeln. Ich wollte nicht von der üblichen Dauer einer Einzeltherapiesitzung abweichen. Ich hatte jedoch meistens das Problem, daß diese Zeit nicht ausreichte, den Protagonisten zu erwärmen und eine Szene auszuspielen.

Die wichtigste Frage war für mich: Wie läßt sich das "Prinzip der schöpferischen Spontaneität" (Moreno, 1973) in die Einzeltherapie übertragen? Wie kann ich als Therapeut in der Einzeltherapie einen Raum schaffen, der den Patienten einlädt, schöpferisch zu sein und sich auszudrücken?

Ich stellte mir die Frage, was mir in der Rolle des Patienten helfen könnte, im psychodramatischen Sinn schöpferisch zu sein. Ich spiele z.B. sehr gerne mit Stofftieren, lasse diese sprechen und Geschichten erfinden. In der stationären Drogentherapie, in der ich vor meiner Tätigkeit in freier Praxis gearbeitet hatte, hatten wir einige Stofftiere im Haus, u.a. einen Gorilla. Diesen Gorilla nahm ich gerne mit in die Therapiegruppe, wenn im Haus ein Regelverstoß vorgefallen war. Dieser Gorilla hatte ein finsteres Gesicht und drückte meiner Meinung nach aus, daß wir als Therapeuten sauer waren. Ich ließ dann den griesgrämigen Gorilla unseren Unmut mitteilen. Das Medium des Tieres erleichterte den Patienten, ihre Gefühle dem Team gegenüber anzusprechen.

Zu allen kreativen Medien, die ich im folgenden näher beschreiben werde, habe ich eine persönliche Beziehung. Es fällt mir leicht und es macht mir Spaß, diese Medien in Hilfs-Ich-Rollen zu bringen. Die Gegenstände, mit denen ich therapeutisch arbeite, werde ich im folgenden auch als "Spielmittel" bezeichen. In dem Wort Spielmittel kommt meiner Meinung nach, die unterstützende und behandelnde Funktion der Gegenstände im therapeutischen Prozeß gut zum Ausdruck. Der Patient projiziert nicht nur seine Gefühle und sein Erleben auf die Gegenstände, sondern er läßt diese gleichzeitig zu Subjekten werden, die für ihn Rollen übernehmen und kommunizieren. Seitdem ich die Spielmittel als psychodramatisches Agens einsetze, erlebe ich die Therapiesitzungen als sehr lebendig. Die Protagonisten sind schnell erwärmt und es ist leicht, bei einem stehengebliebenen Bild aus einer vorangegangenen Sitzung anzuknüpfen.

Bei der Gestaltung des Therapiezimmers und der Auswahl der kreativen Medien gibt es meiner Meinung nach noch vieles zu entdecken. Das kreative und psychodramatische Potential der Spielmittel ist sicherlich nicht erschöpft. Ich finde es schön, daß die therapeutische Beziehung nicht nur eine verbale, sondern eine handelnde wird, in der ich mich als Therapeutin ebenfalls schöpferisch verwirklichen kann.

Meine bisherigen Erfahrungen in der therapeutischen Arbeit beziehen sich auf den Einsatz von Ton, Buntstiften, Puppen und Stofftieren, farbigen Tüchern, Edelsteinen und einer lebensgroßen, beweglichen Schaumstoffpuppe. Ich könnte mir vorstellen, die kreativen Medien zukünftig z.B. durch die Arbeit mit Photos, Tarotkarten und einfachen Rhythmusinstrumenten zu erweitern.