Beispiel: Sabine
Zu diesem Aspekt möchte ich folgendes Beispiel geben: eine Patientin, Sabine, richtete sich eine Höhle ein, indem sie eine dunkelblaue Decke über zwei Sessel legte. Sie polsterte die Höhle mit Kissen aus und setzte sich hinein. Sabine sagte, daß sie sich in der Höhle sicher und geschützt fühlte. Sie wollte nicht, daß ich sie direkt ansehe. Aus dem Schutz der Höhle vertraute sie mir eine sexuelle Mißbrauchserfahrung aus früher Kindheit an. Ihr erstes Anliegen war, sich vor mir zu verstecken. Im Verlauf der Erzählung erinnerte sie sich, daß sie als Kind häufig eine Höhle gebaut habe. Sie hatte sich geborgen gefühlt, als sie in der Höhle sitzend, die Mutter bei der Verrichtung der Hausarbeit hörte. In der Höhle hat sie ihren Körper und die Masturbation entdeckt. In diese Höhle hatte sie sich nach dem Mißbrauch zurückgezogen.
Für Sabine war die Höhle sehr positiv besetzt, sie war Schutzraum, ein Ort der Intimität gleichsam "heilig", eine Art Tempel, indem sie für sich sein und Kraft schöpfen konnte. Als Sabine 6"J. alt war, wurde ihre Schwester geboren. Sie teilte das Zimmer mit der Schwester. Seitdem fühlte sie sich von ihrer Mutter beobachtet, die ihre Rückzugstendenzen kritisierte. Die Mutter vermittelte ihr das Gefühl, nicht normal zu sein. Schließlich gab sie ihre Höhle für ihre Mutter auf. Sabine war wütend und traurig, sie hatte das Empfinden, daß ihr die Höhle weggenommen worden sei. Sie litt seit dieser Zeit unter massiven Ängsten und Zählzwängen, wegen derer sie einem Kindertherapeuten vorgestellt wurde. Die Therapie bewirkte jedoch wenig. Erst mit der Rekonstruktion der Höhle wurde ihr bewußt, daß ihr ihre Höhle in der Kindheit geholfen hatte, ihre Ängste und Erlebnisse des Tages zu verarbeiten. In den folgenden Sitzungen hatte sie immer wieder das Bedürfnis, sich in die Höhle zu setzen. Mit der Zeit veränderte sich ihr Bedürfnis und Sabine hatte wieder mehr den Wunsch, mich beim Gespräch anzusehen. Sie spürte zunehmend die Begrenztheit der Höhle und litt unter ihrer Isolation. Einerseits war sie neugierig auf die Welt, andererseits war der Gedanke, die Höhle zu verlassen an Verlust- bzw. Todesängste gekoppelt.
Ich bat sie, ein Märchen zu entwickeln über die "Frau in der Höhle". Sabine erzählte die Geschichte einer Frau, die seit vielen Jahren in dieser Höhle schlafe. Der Eingang der Höhle ist mit einem großen Stein verschlossen, nur sie kennt das Zauberwort, den Eingang zu öffnen. Ein Prinz kommt, er ist auf der Suche nach ihr, er lebt in der Nähe der Höhle und wartet. Ich spielte die Rolle des Prinzen aus, der in der Nähe der Höhle seinen Alltagsbeschäftigungen nachgeht. Erst nach mehreren Sitzungen besiegten das Bedürfnis nach Kontakt und die Neugier Sabines ihre Ängste, so daß sie ihre Höhle verließ. Dem Prinzen kam im weiteren Verlauf der Therapie die Rolle zu, ihr zu zeigen, wie die Welt und das Leben zu bewältigen sind. Über das Spiel mit der Höhle kam Sabine in Kontakt mit ihrem Wunsch nach Leben und Erleben. Dies half ihr im weiteren Verlauf der Therapie, sich von ihrer Mutter zu lösen und eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln. Sie hatte gegenüber ihrer Mutter ähnlich ambivalente Gefühle wie gegenüber der Höhle.
Sie sah in ihrer Mutter die wichtigste Person ihres Lebens und hatte große Ängste, ihre Mutter könnte sterben. In vieler Hinsicht war Sabine über das ängstlich kontrollierende Verhalten der Mutter enttäuscht und fühlte sich von ihr festgehalten. Die Beschäftigung mit der Mutter war für sie mit starkem Widerstand verknüpft. Über das Bild der Höhle wurden der Zugang zu diesem Thema nicht nur erleichtert, sondern der Konflikt indirekt bereits bearbeitet.
Die kreativen Medien können den tatsächlichen Lebensraum des Protagonisten abbilden, einige Patienten besaßen als Kind einen großen Teddybären oder eine Schmusekatze, malten viel, bauten sich Höhlen etc., oder sie stellen symbolische Personen seines Lebensraumes dar. Es gibt sehr individuelle Figuren, eine bestimmte Puppe mit Namen oder ein bestimmtes Stofftier, es scheint aber ebenso kollektive Figuren, wie den Bären, die Schmusekatze oder die farbigen Puppen zu geben, die von Mitgliedern unterschiedlicher sozialer Herkunft mit gleichen Rollen und Projektionen belegt werden.
Das kreative Medium gibt dem Protagonisten eine Orientierung. Der Protagonist erlebt die Übertragung, die er auf den Leiter im Spiel hat, sehr bewußt, weil ihm über das Hilfs-Ich deutlich ist, in welchem Kontext der Leiter für ihn eine bestimmte Rolle für einen kurzen Zeitraum nimmt, und daß der Leiter diese Person nicht "per se" ist. Die Grenzen zwischen Spiel und Realität sind klar abzugrenzen, weil vorher die Spielmittel und der Rahmen, indem das Spiel sich bewegt, gemeinsam festgelegt wird. Die Richtung, die die Spielhandlung nimmt, ist ein dynamischer Prozeß aus dem Zusammenspiel von Leiter und Protagonist mit dem Medium. Der Protagonist weiß, daß es sein Spiel ist. Der Leiter unterstützt ihn, indem er teilweise mit in das Spiel hineingeht, aber nicht durchgängig Bestandteil des Spieles ist. Vom Spielmittel selbst gehen genügend Reize aus, über die der Protagonist Impulse für sein Handeln gewinnt. Der Leiter ist frei, dem Spielverlauf zu folgen und bei fortgeschrittener Spielsituation die Spielhandlung zu konkretisieren und zu maximieren, daß eine Katharsis erfolgen kann.
Aus der Interaktion von Leiter, Protagonist und Spielmittel erwächst eine für diesen Moment einzigartige Situation. Der Handlungsablauf ist zu Beginn der Sitzung nicht abzusehen und kann überraschende Wendungen nehmen. Wählt ein anderer Protagonist das gleiche Spielmittel, entsteht eine völlig neue Handlungssituation, selbst wenn dieser dem Spielmittel die gleiche Rolle oder symbolische Bedeutung zuschreibt. Dies gilt ebenso, wenn ein Protagonist in aufeinanderfolgenden Sitzungen mit dem gleichen Spielmittel arbeitet.

