Beispiel: Miekatze und Eisbär

Ich fordere Monika auf, ein Stofftier für David und eines für sich selbst zu wählen. Sie wählt den Eisbären für David und für sich zunächst den Babyhasen.

Monika: Nein, das stimmt nicht. Der Hase ist zu lieb. Ich brauche ein Tier mit Krallen. Sie zögert, dann nimmt sie die Miekatze. Ich sage ihr, daß wir jetzt gemeinsam einen Dialog improvisieren zwischen Eisbär und Miekatze. Sie wählt die Miekatze, ich spiele den Bären. (Vergl. Abbildung: Die Tiere)

Der Eisbär (E): Ich muß unbedingt noch ein paar Wintervorräte sammeln, sonst überstehe ich den Winter nicht. Ich gehe jetzt mal los.

Die Miekatze (M): Rufst du mich von unterwegs an.

E: Das kann ich nicht versprechen, manchmal geht das nicht. Außerdem muß ich arbeiten, die Vorräte sind für mich wichtig.

M: wird ärgerlich: Du mit deinen Vorräten. Die sind wohl wichtiger als ich.

E: Nein, die sind nicht wichtiger als du. Ich muß aber als Bär Vorräte haben, sonst überlebe ich nicht. Du kannst mir ja mithelfen beim Sammeln.

M: Du bist doof. Ich helfe dir nicht. Du liebst mich nicht.

E: Natürlich liebe ich dich. Ich muß mich aber auch um meine Bärenangelegenheiten kümmern.

M: Das sagst du jetzt nur so. Dein Bärenleben ist dir wichtiger als ich. Ich kratze dich gleich.

E: Du bist so anstrengend. Ich brauche meine Ruhe.

M: Immer sagst du, daß du deine Ruhe brauchst. Du liebst mich nicht. In Wirklichkeit willst du mich loswerden. Ich hasse dich.

E: Jetzt ist es aber genug. Jetzt bin ich beleidigt. Er dreht der Miekatze den Rücken zu. In diesem Moment springt die Miekatze dem Eisbären in den Rücken und kratzt ihn.

Monika ist entsetzt und schämt sich für ihr Verhalten. In dieser Spielszene wiederholt sich spontan eine Streitsituation, wie sie das Paar häufig erlebt. Monika sagt: "Ich will ja damit aufhören, aber ich habe den Eindruck, daß es ein Verhalten ist, das sich automatisiert hat. Es ist, als ob ich mein Verhalten, wenn es einmal in Gang gesetzt ist, nicht mehr stoppen kann. Manchmal habe ich das Gefühl, als hätte dieses Verhalten gar nichts mit mir zu tun. Als wäre ich jemand ganz anderes." Ich frage sie, was sie mit dem Bild einer Katze verbindet, die an jemandem kratzt.

Sie ist wütend und traurig.
Monika: Es erinnert mich an Situationen als Kind. Ich kratze doch ständig an meiner Mutter herum, damit sie mich mal sieht. Da kann ich mir aber die Finger wund kratzen. Sie denkt nach: An meine Eltern erinnert es mich auch, obwohl ich ihnen doch lästig war, haben sie mich nicht in Ruhe gelassen. Irgendwie haben die auch ständig an mir herumgekratzt und mich damit gequält. Ich weiß gar nicht, wie das sich anfühlt, nicht zu kratzen und nicht gekratzt zu werden. Mir ist das unheimlich. Ich glaube, daß ich sogar Angst davor habe. Dann ist ja nichts da, Leere. Ich glaube, daß Kratzen und Gekratzt werden für mich bedeutet, daß ich nicht alleine bin, daß jemand da ist. Alleinsein bedeutet Angst haben, daß ist das Schlimmste für mich.

Ich greife das Spiel mit der Miekatze und dem Eisbären erneut auf. Ich: "Welche Ausdrucksmöglichkeiten, um Kontakt aufzunehmen, hat eine Miekatze außer zu kratzen noch?"

Sie kann jemandem um die Beine schleichen. Aber das ist sich anbiedern. Außerdem ist das sexuell. "Ist das schlimm, wenn eine Katze sexuell ist? Nein, bei einer Katze nicht, aber ich käme mir blöde vor, mich z.B. David gegenüber so zu verhalten. Dann hätte meine Mutter ja Recht, daß ich nur auf Sex aus bin.

Ich frage sie, wie sie David gegenüber ihr Bedürfnis nach Nähe ausdrücken kann außer durch ihr besitzergreifendes Verhalten.
Wenn ich mich ihm z.B. körperlich nähere, habe ich sofort das Gefühl, mich ihm sexuell anzubiedern und wehrlos zu sein.

Ich schlage vor, die unterschiedlichen Möglichkeiten, Kontakt aufzunehmen, mit dem Eisbären und der Miekatze durchzuspielen. Wir spielen die Streitsituation noch einmal und Monika geht in die Rolle des Eisbären. Dann spiele ich die schmusige Katze, die den Eisbären umschleicht. Monika bleibt in der Rolle des Eisbären. Aus der Bärenrolle erlebt sie die Katze nicht als schwach, sondern eher als unabhängig und selbstbewußt, als jemanden, der weiß, was er möchte. Wir tauschen die Rollen. Zunächst schämt sich Monika, die Rolle der schmusigen Katze zu nehmen, später macht ihr das Spiel sogar Spaß. Am Ende der Sitzung sagt sie:
Mir ist die Sexualität mit David sehr wichtig. Ich muß mich doch nicht dafür bestrafen, daß das so ist. Nur weil meine Mutter keinen Spaß an Sex hat, muß das bei mir nicht genauso sein.

Monika spielt zur Erweiterung ihres Frauenbildes weibliche Rollen aus, mit denen sie sich positiv identifiziert, z.B. eine geheimnisvolle Prinzessin im Orient, eine berühmte Malerin in der Provence, eine Heilerin mit magischen Kräften und sehr viel Intuition, die Schauspielerin Simone Signoret. In diesen Rollen findet sie ihre Bedürfnisse nach Anerkennung, nach Individualität, etwas Großartiges und Besonderes zu sein, befriedigt und erfährt darüber ein Stück Heilung. Sie besitzt sehr viel Einfühlsamkeit, Durchhaltevermögen, Intelligenz und Kreativität, Eigenschaften, die ihren Wunschrollen eigen sind, die ihre Mutter an ihr jedoch kritisiert und abgelehnt hat.

In den positiven Frauenrollen begegnet sie ihrer Mutter. Im Rollentausch mit der Mutter wird deutlich, daß die Mutter ihr Selbstwertgefühl über die "Tochter als Versagerin" bezieht. Die Mutter vom Leben enttäuscht, mit dem "falschen Mann" verheiratet, könnte ihr Leben nicht ertragen, wenn es der Tochter besser ginge. Die Mutter ist einerseits mit der Sensibilität und Willensstärke von Monika überfordert, andererseits hat sie Schuldgefühle, die sie sich nicht eingestehen will. Weil die Mutter sehr religiös ist, schrieb sie z.B. das viele Weinen von Monika als Baby dämonischen Mächten zu. "Das Schicksal hat sie mit diesem Kind gestraft." Mit Gott an ihrer Seite wurde die Mutter für Monika so mächtig, daß sie ihrer Wahrnehmung, die sie von sich hatte, nicht mehr traute. Sie glaubte daran, daß etwas Böses in ihr sei und daß sie zum Leiden bestimmt sei.