Die Bedeutung kreativer Medien als Hilfs-Ich
Moreno geht davon aus, daß der Mensch danach strebt, schöpferisch zu sein und sich zu erfahren. Ein Mensch, der sich ausdrückt und seine Kreativität positiv umsetzen kann, fühlt sich in der Regel gesund und kraftvoll. Blockierte Kreativität drückt sich häufig in psychischen Störungen bis hin zur Psychose oder zu somatischen Erkrankungen aus. Spiel ist ein wichtiges Medium, kreativ und spontan zu handeln. In der Gruppentherapie habe ich immer wieder die Grundlage des Psychodrama, "das Prinzip der schöpferischen Spontaneität", erleben können. Wie ist die schöpferische Spontaneität in die Einzeltherapie zu übertragen?
Als Therapeutin für Klientenzentrierte Spieltherapie und in den unzähligen Stunden von Rollenspielen mit meinem Sohn habe ich beobachten können, wie Kinder über das Spiel Realität verarbeiten. Die meisten Kinder, die einen Raum betreten, betrachten die Gegenstände, die sich in dem Raum befinden, mit Neugier und Interesse. Sie stellen Fragen und beginnen zu spielen. Kindern ist das Bedürfnis nach Aktion und Selbstausdruck noch nah. Es fällt ihnen leicht, mit Alltagsgegenständen imaginäre Räume zu schaffen, eine Schere wird zum "gefräßigen Krokodil", ein paar Holzklötzchen zu "Schneewittchen und den sieben Zwergen". Viele interessante Hinweise zur Spieltherapie mit Kindern finden sich bei Oaklander, 1981.
Zu Beginn meiner einzeltherapeutischen Arbeit arbeitete ich ohne Hilfsmittel, übernahm selbst mehr Rollen oder beschränkte mich auf die Arbeit mit dem "leeren Stuhl". Ich kaufte "Fred" als Hilfs-Ich für Aggressionsarbeit. Da mein Therapiezimmer neben der Wohnung liegt und meine Kinder am Wochenende dort schon mal spielen, kam es vor, daß Stofftiere oder Bauklötze im Therapiezimmer liegengeblieben waren. Ich beobachtete, daß die meisten Patienten sehr neugierig und positiv auf das Spielzeug reagierten, ein spontanes Bedürfnis hatten, es anzufassen. Sie waren häufig sehr erwärmt, spielten, erzählten von ihrer Kindheit, waren emotional berührt. Sie waren mit Hilfe dieses Mediums schneller und dichter an ihren Gefühlen, als ich es durch das therapeutische Gespräch erreichen konnte. Außerdem war es mir teilweise schwer gefallen, Patienten in psychodramatische Aktion zu bringen. Ich empfand diese Sitzungen für mich als sehr anstrengend. Ich spürte Widerstände der Patienten, sich mir gegenüber zu zeigen und hatte das Gefühl sehr viel Energie hineingeben zu müssen, um "Aktion" in Gang zu halten.
Aufgrund meiner Beobachtung entschloß ich mich, mein Therapiezimmer gezielt mit Hilfsmitteln auszustatten, um dem Patienten eine Ebene für spontane Neugier und spielerische Aktion anzubieten. Ich habe die einzelnen Medien sehr bewußt ausgewählt und mir überlegt, welchen Erfahrungs- und Erlebnisrahmen sie bieten.
Moreno sagt, "In der psychodramatischen Situation dagegen ist ein Maximum der Beziehung zu Menschen und Dingen nicht nur möglich, sondern wird geradezu erwartet." (Moreno, 1973, S. 78) In der psychodramatischen Gruppe ist dieses Kriterium aufgrund der zwischenpersönlichen Beziehungen und dem "Handlungshunger" der Gruppe gegeben. "Diesen Hilfs-Ichen oder therapeutischen Mitspielern kommt eine doppelte Bedeutung zu. Sie bilden eine Verstärkung für den Gruppenleiter, erklärend und behandelnd. Aber sie sind auch für den Patienten bedeutungsvoll, indem sie tatsächliche oder symbolische Personen seines Lebensraumes darstellen." (Moreno, 1973, S. 78) Im Vergleich zum Grupppensetting erlebte ich die Situation in der Einzeltherapie als stark reduziert.
Es schien mir eine Überforderung, all die Bilder und Erfahrungsmöglichkeiten, die eine therapeutische Gruppe bietet, in der therapeutischen Dyade mit dem Patienten zu schaffen. Mir fehlte das Instrument der Gruppe, um mich ganz auf die Rolle des Leiters zurückziehen zu können und aus der Distanz, als nicht in die Interaktion involviert, neue Impulse für die psychodramatische Aktion gewinnen zu können. Der heilende therapeutische Moment liegt in der Entdeckung und Förderung der Spontaneität und Kreativität des Protagonisten, wobei eine zu mächtige Therapeutenfigur eher hinderlich ist.
Über die Erweiterung des Therapiezimmers als "Erfahrungs- und Erlebnisraum", erfährt auch die Therapeut-Patient-Beziehung eine Erweiterung. Der Patient setzt sich nicht nur mit der Person des Therapeuten auseinander, sondern ebenfalls mit den Dingen, die den Therapeuten umgeben. Dabei hat der Patient seine persönliche Beziehung, seine Bilder, möglicherweise Erinnerungen, seine sinnlichen Wahrnehmungen im Bezug auf die Medien oder baut diese im Verlauf der Therapie auf. In gleicher Weise hat der Therapeut eine Beziehung, seine Bilder, Erinnerungen, Wahrnehmungen zu den Medien, die sich von denen des Patienten unterscheiden können. Der Therapeut setzt sich nicht nur mit der Person des Patienten auseinander, sondern auch mit dessen Erleben und Interaktion mit den kreativen Medien.
Dieses Setting erleichtert den Übergang von der therapeutischen Gesprächsebene zur Handlungsebene und läßt Raum für "schöpferische Spontaneität" im psychodramatischen Sinn. Die kreativen Medien wirken als Hilfs-Ich verstärkend und behandelnd auf den therapeutischen Prozeß. Der Patient erfährt über die Medien auch Schutz, weil er nicht gezwungen ist, direkt mit dem Therapeuten in Kontakt zu treten. Er hat die Möglichkeit, indirekt über das Medium zu kommunizieren. Diese Möglichkeit ist sehr hilfreich bei angstbesetzten, traumatischen Erlebnissen.

